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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2013
Limburg ist überall.
Der Fall Tebartz ist nur die Spitze des Eisbergs. Das katholische System krankt
Der Inhalt:

»Ich bereue es bis heute«

von Eric Breitinger vom 25.10.2013
Mit 17 Jahren gab Ursula H. ihren Sohn zur Adoption frei, weil niemand sie unterstützte. 33 Jahre später sieht sie ihn wieder

Für mich ist das ein ganz normaler Arbeitsplatz: Seit dreißig Jahren führe ich in einem Bordell die Kantine, richte das Frühstück für die Security-Leute und die Mädchen. Einmal erzählte mir eine, dass sie schwanger ist und das Kind adoptieren lassen wolle. Ich riet ihr: »Lass es lieber abtreiben. Sonst verfolgt dich der Gedanke an dein Kind dein Leben lang.« Mehr sagte ich nicht. Ich redete nie darüber, dazu schämte ich mich zu arg.

Ich war 16, als ich schwanger wurde. Man sah es mir nicht an, und ich erzählte es keinem. Meine Mutter hatte aber einen Kalender. Sie machte jedes Mal ein Kreuzchen, wenn eine von uns drei Schwestern ihre Tage hatte. Ich bin die Älteste. Als die Mutter merkte, was los ist, schickte sie mich zum Arzt. Da war es schon zu spät. Meine Eltern brachten mich aus der Stadt. Sie erzählten allen, dass ich drüben in der DDR bei den Großeltern wäre, um ihnen zu helfen. In Wahrheit arbeitete ich in einer anderen Stadt in einem Heim, bekochte und bemutterte zehn Kinder, vom Säugling bis zum Zehnjährigen. Ich hätte gerne meine Lehre in einem Modehaus fertig gemacht.

Die Wehen setzten am Abend ein. Ich hatte in der Nacht zuvor noch in der Disco getanzt. Nachbarn brachten mich in die Klinik – dort ging alles ruckzuck. Es war ein Bub, schwarzes Haar, über 3000 Gramm. Ich gab ihm den Namen Michael. Ich bekam ihn nur einmal in den Arm, dann brachten sie ihn raus – das war’s. Ich heulte Rotz und Wasser. Aber ich hatte vorher im Notariat schon alles unterschrieben. Denn ich hatte keine Unterstützung, um das Kind aufzuziehen. Der Typ war zehn Jahre älter, verheiratet. Er wollte es in Holland wegmachen lassen. Ich hatte das immer wieder hinausgezögert – aus Angst, dass was schiefgehen könnte. Auch meine Mutter wollte das Kind nicht. Sie fürchtete das Gerede der Leute. Nur mein Vater wollte das Kind nicht hergeben, sagte das jedoch viel zu spät. Meine Eltern hatten dann jahrelang Streit deswegen. Der Bub kam in ein Heim, dann zu neuen Eltern.

Als ich wieder zu Hause war, konnte ich nicht mehr schlafen. Ich fragte mich, ob es ihm gut ging, wo er lebte und warum ich mich nicht gegen die Mutter aufgelehnt hatte. So ging das jahrelang. Als Michael achtzehn Jahre alt wurde, ging ich in das große Backsteinhaus, das Kinderheim. Ich sagte der Leiterin, ich wolle mein Kind sehen. Sie schaute in die Akten, ging telefonieren, sagte dann: »Die Eltern wollen keinen Konta

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