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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2010
Strom ohne Atom
Der Konflikt, die Bewegung, die Zukunft
Der Inhalt:

Bloß weg hier

von Wolfgang Kessler vom 22.10.2010
Die Wirtschaft will Zuwanderer. Doch Deutschland schreckt Ausländer ab – und viele Einheimische auch

Ausländerfeindliche, ja rechtsextreme Tendenzen sind in Deutschland laut einer Studie der Friedrich Ebert Stiftung im Vormarsch. Danach finden 35,5 Prozent der Bevölkerung, dass die Bundesrepublik »durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maße überfremdet ist«. 21,4 Prozent votieren dafür, bei fehlenden Arbeitsplätzen Ausländer auszuweisen. Auch bei 24,8 Prozent der Katholiken und 25,8 der Protestanten wiesen die Wissenschaftler ausländerfeindliche Tendenzen nach. Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, nannte die Befunde »ziemlich erschreckend«.

Es ist eine »bizarre«Diskussion – da hat Maria Böhmer, die christlich-soziale Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, recht. Unternehmer, Politiker und Wirtschaftsforscher wünschen sich händeringend ausländische Fachkräfte, um die sinkende Zahl junger Deutscher auszugleichen. Gleichzeitig poltert der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer gegen Ausländer im Allgemeinen und Türken im Besonderen. Zuwanderung will Seehofer nicht und er spricht damit einem Teil der Bevölkerung aus der Seele. Dabei bräuchte er gar nicht zu poltern. Deutschland ist Auswanderungsland – und wird dies wohl noch lange bleiben.

Im vergangenen Jahr sind 721 000 Menschen in die Bundesrepublik zugezogen, 734 000 haben Deutschland den Rücken gekehrt, 2008 war der negative Saldo noch höher, in diesem Jahr werden auch mehr abwandern als zuziehen. Dass Deutschland für Zuwanderer unattraktiv ist und gleichzeitig Hunderttausende mit und ohne Migrationshintergrund ins Ausland fliehen, verwundert allerdings nicht.

Die Probleme beginnen bei der Einwanderung. Noch immer fehlt es an Geld, um längere und intensive Sprachkurse zu finanzieren und die Zuwanderer auf ihrem Weg durch die Mühlen der Bürokratie in den deutschen Lebensalltag zu begleiten. Zudem leistet sich Deutschland ein Bildungssystem, das den beruflichen Aufstieg stark vom sozialen Status der Eltern abhängig macht. Kinder aus ärmeren Einwandererfamilien haben wenig Chancen, dem Armutskreislauf zu entrinnen.

Immer mehr Rassisten

Schwierigkeiten haben auch hochqualifizierte Einwanderer. Mehreren hunderttausend Flüchtlingen wurden ihre Abschlüsse nicht anerkannt. So fahren Ingenieure aus Afghanistan in Deutschland Taxis. Wer als hochgelobter IT-Spezialist hierherkommt, muss ein bestimmtes Einkommen nachweisen.

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