Kino: »Gentle Monster«
Mein Mann, ein Täter?
Kino. Sie ist eine gefragte Konzertpianistin, er Filmemacher, die beiden haben einen kleinen Sohn. Nach dem Burnout von Philip zieht die Künstlerfamilie aus München in eine alte Villa in der bayrischen Provinz. Sie sucht einen Neuanfang. Doch eines Morgens steht die Polizistin Elsa in der Tür und die Idylle verwandelt sich in einen Albtraum. Die Polizistin lässt das Haus durchsuchen und Philips Computer beschlagnahmen. Als Lucy begreift, dass ihrem geliebten Mann der Besitz und die Verbreitung von Kinderpornografie im Darknet vorgeworfen wird, bricht ihre Welt zusammen.
Laut Schätzungen wird in Europa jedes fünfte Kind zum Opfer sexuellen Missbrauchs. Im Jahr 2025 wurden allein in Deutschland über 41 000 Fälle angezeigt, in denen Darstellungen von Kindesmissbrauch hergestellt oder damit gehandelt wurde. Die Täter sind oft völlig unauffällige Familienväter: Diese unbequeme Wahrheit ist der rote Faden des zurückhaltenden Dramas »Gentle Monster«.
Die Handlung ist niemals voyeuristisch und sie stellt nicht den Täter und seine Motive in den Mittelpunkt, sondern beschäftigt sich mit der erschütterten Ehefrau: Ihre Gefühle bewegen sich irgendwo zwischen Angst, Hoffnung und quälender Selbsthinterfragung. Sie wird gespielt vom französischen Star Léa Seydoux, ihre coole Mutter von Catherine Deneuve. Lucy schwankt zwischen Abscheu und dem verzweifelten Glauben an Philips Beteuerungen. Und sie wird permanent gepeinigt von der Sorge, ob Philip ihrem gemeinsamen Sohn etwas angetan haben könnte.
In einer zweiten Handlungsebene wird der Alltag der Ermittlerin Elsa gezeigt, in deren Privatleben ein weiterer Aspekt des Missbrauchsthemas zum Tragen kommt: Ihr demenzkranker Vater wird seiner polnischen Pflegekraft zudringlich. Elsa bietet ihr Geld, damit sie trotzdem bleibt. Ist mitschuldig, wer wegschaut?
In seiner Vielschichtigkeit und atmosphärischen Dichte wird dieses Drama noch lange nach Filmende garantiert für Diskussionen sorgen.

