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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2015
Höchste Zeit
Klimakrise: Die Politik, der Papst und die Menschheit. Worauf es jetzt ankommt
Der Inhalt:

Der Schrei der Erde

von Christoph Bals vom 11.09.2015
Die Provokation des Papstes gegen den selbstmörderischen Kurs der Menschheit

Plötzlich kreist die katholische Kirche nicht mehr um sich selbst. Mit der Enzyklika »Laudato Si« stellt Papst Franziskus die Armen und die ökologische Mitwelt ins Zentrum. Mit seinem Rundschreiben provoziert der Papst eine pluralistische Weltgesellschaft, die sich auf »suizidalem Kurs« befinde.

Vom »erstaunlichsten und vielleicht ambitioniertesten Papier eines Papstes in den letzten hundert Jahren« spricht die britische Tageszeitung Guardian, von der »Magna Charta einer integralen Ökologie« der Befreiungstheologe Leonardo Boff, von einem poetischen, couragierten Dokument, »das über die katholische Kirche hinaus zu jedem Erdenbürger spricht«, Naomi Klein, die kanadische Aktivistin mit säkular jüdischem und feministischem Hintergrund. Politische Kommentatoren diskutieren angesichts des mit der Enzyklika einhergehenden Reise- und Redeprogramms des Papstes in Lateinamerika und Asien, beim UN-Gipfel zur Post-2015-Nachhaltigkeitsagenda und im US-Kongress, ob sich hier ein wirkungsvolles diplomatisches Muster anbahne, um dem »Schrei der Erde und dem Schrei der Armen« Gehör zu verschaffen.

Was an der Enzyklika ist neu? Nur, dass endlich auch der Papst wiederholt, was andere schon seit Jahrzehnten sagen? Oder der bildreiche und wohltuend verständliche Stil? Oder dass der Oberhirte nicht als Oberlehrer auftritt, sondern alle Religionen und alle Menschen zu einem Dialog angesichts des »suizidalen Kurses« der Menschheit aufruft?

Nein, das ist es nicht alleine. Neu ist, dass die Enzyklika auf einen grundlegenden Paradigmenwechsel, auf eine grundlegende Veränderung des Denkens und Handelns abzielt, die für eine pluralistische Welt relevant ist. Eindeutig verabschiedet sich der Papst von der neuzeitlichen Interpretation des Schöpfungsberichtes – »Macht Euch die Erde untertan« (Genesis 1, 28) –, wonach der Mensch »Herrscher und Besitzer der Natur« sei. So hat es zum Beispiel der einflussreiche rationalistische Philosoph René Descartes (1596-1650) formuliert. Papst Franziskus setzt alles daran, diesem »technokratischen Paradigma« der Naturbeherrschung die Legitimationsgrundlage zu entziehen.

Und er nennt die Alternative: An die Stelle des Paradigmas »des Menschen als Herrscher« setzt er jenes der »universellen Geschwisterlichkeit« mit allen Mitgeschöpfen. Die Armen rücken ins Zentrum, die ökologische Umwelt wird zur ökologische

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