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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2012
Verloren im Vatikan
Ein Reformkonzil wird 50
Der Inhalt:

Hoffen auf die andere Zukunft

von Melanie Gärtner vom 07.09.2012
Nichts ist in Ägypten so, wie es einmal war. Und nichts ist so, wie es von den Revolutionären gedacht war. Was sie dennoch verbindet. Drei junge Menschen berichten

Das Gerangel um die Macht in Ägypten geht weiter. Nachdem der islamisch-konservative Kandidat Mohammed Mursi das Präsidentenamt errungen, die Spitze des Militärrats abgesetzt und damit neben der Legislative nun auch wieder die volle exekutive Macht bei sich hat, sehnen sich junge Menschen in Ägypten weiter nach einer Demokratie.

Die Schrauben hat man herausgedreht, die Kappe entfernt. Aus dem stählernen Bauch der Straßenlaterne quillt ein Strauß bunter Kabel. »Hier haben wir Strom gezapft, wenn wir kochen wollten«, sagt Ahmed und zupft an einem der Kabelenden. Es ist später Nachmittag. Die Hitze des Tages wird allmählich erträglicher. Auf dem Midan Tahrir, dem kreisförmigen Platz in Kairos Stadtzentrum, tobt wildes Verkehrschaos. Ein Meer von Autos überschwemmt die Innenstadt, hüllt die Szene in einen Schleier aus Smog. Ahmed sieht all das mit leuchtenden Augen, sein Blick reicht in die Vergangenheit. »Hier an der Umar Makram Moschee war ein Lager eingerichtet, wo die Versorgungslieferungen ankamen. Im Innern der Moschee konnte man übernachten. Dort vor dem Verwaltungsgebäude gab es eine Bühne. Wären wir nicht im politischen Kampf gewesen, hätte es ein Festival sein können.« Noch immer geht Ahmed, 28 Jahre alt und Softwaretester, jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit über den Tahrirplatz. Vereinzelte zerfallene Zelte erinnern ihn an die Tage der Revolution. »Es war die beste Zeit in meinem Leben. Die Ägypter standen hier Schulter an Schulter. Wir waren eins in diesen Tagen.« So blutig er war, der Zauber der Revolution, er hat nicht nur Ahmeds Welt, sondern das Leben vieler Ägypter auf den Kopf gestellt.

Während sich oppositionelle Gruppen noch formieren mussten, marschierte die Muslimbruderschaft ins neue Parlament. Plötzlich stand für das Amt des Staatsoberhaupts eine Vielzahl von Kandidaten zur Verfügung. Es gab keinen Bus, keinen Laden, kein Café, in dem nicht politische Debatten geführt wurden. Die Menschen waren begeistert, politisiert und aufgeregt ob der Möglichkeit, eine neue Zukunft mitzugestalten. Ahmed steckte die Leidenschaft, die ihn seit der Revolution gepackt hat, in den Wahlkampf für Abdul Futuh, einen Präsidentschaftskandidaten, der nach der ersten Wahlrunde ausschied.

Seit einiger Zeit ist die Begeisterung der Ratlosigkeit gewichen. Ausgerechnet der konservative Muslimbruder Mohammed Mursi und der ehemalige Premierminister

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