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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 17/2009
Papa am Altar
Das Leid der Priesterkinder
Der Inhalt:

Ich bräuchte drei Jobs

von Patrizia Barbera vom 11.09.2009
Marita Baqué (49) ernährt sich und ihren Sohn als Verkäuferin und muss nebenher putzen. Jetzt droht Hartz IV

Wenn ich morgens aufwache und an die Arbeit denke, bekomme ich Bauchkrämpfe. Meine Nerven liegen seit Tagen blank, meine Hände zittern. Ich arbeite in einem Schlecker-Markt hier im Ort. Jetzt soll der Markt geschlossen und gegen einen Schlecker XXL-Markt ausgetauscht werden. Die Verkäuferinnen sollen zwar übernommen oder in andere Märkte versetzt werden, aber zu viel schlechteren Bedingungen: kein Urlaubsgeld, kein Weihnachtsgeld, ein viel geringerer Stundenlohn.

Fünf Schließungen habe ich schon mitgemacht. Ich habe im Textilhandel gearbeitet, im Schmuckgeschäft und im Lebensmittelvertrieb. Jedes Mal habe ich mich wieder aufgerappelt und eine neue Stelle gefunden. Damals war ich auch noch mit meinem Mann zusammen, da war das nicht so schlimm. Diesmal ist alles anders. Wenn mein Lohn gekürzt wird und das Urlaubs- und Weihnachtsgeld wegfallen, kann ich mich und meinen 18-jährigen Sohn nicht mehr durchbringen. Schon jetzt muss ich neben meiner Halbtagsstelle im Drogeriemarkt putzen gehen. Wenn ich jetzt noch weniger verdiene, bräuchte ich einen dritten Job.

Dass mein Sohn nebenher arbeitet, will ich nicht. Er soll sich auf sein Abitur konzentrieren. Letzte Woche habe ich ihn mal wieder zwei ganze Tage gar nicht gesehen: Als ich aus dem Haus ging, schlief er noch, und als ich heimkam, war er schon im Bett. Als er noch kleiner war, haben wir oft über Notizzettel kommuniziert. »Brauche ein kariertes Rechenheft«, stand dann da oder: »Gibst du mir bitte noch Kopiergeld für morgen?« Ich hatte ständig ein schlechtes Gewissen. Ich wollte ihm bei den Hausaufgaben helfen oder mit ihm in den Park gehen. Aber stattdessen musste ich immer nach der Arbeit weiter zum nächsten Job. »Das kann ich mir leider nicht leisten«, ist der Satz, den ich wohl am häufigsten zu meinem Sohn gesagt habe.

Neulich ist sein Computer kaputtgegangen, und ich konnte ihm nicht helfen. Zum Glück hat sich einer seiner Freunde einen neuen gekauft und ihm seinen alten Rechner gegeben. Mein Sohn ist mir nicht böse, ich habe immer sehr offen über unsere Situation gesprochen. Seitdem ich geschieden bin, können wir uns eben nur noch die Billigmarken leisten und einen teuren Urlaub sowieso nicht. Es hat uns hart getroffen, dass sein Vater die Unterhaltszahlung eingestellt hat, als der Junge 18 wurde. Mein Sohn müsste seinen Unterhalt nun einklagen, aber welc

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