Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 14/2012
Nicht aufgeben!
Was von Martin Luther zu lernen wäre
Der Inhalt:

Der Mensch ist (k)ein Abgrund

von Ursula Rüssmann vom 27.07.2012
Massaker, Kriege, Gewalt: Auf der Welt geht es scheinbar immer brutaler zu. Dennoch habe der Mensch ein Urbedürfnis nach Fairness, sagen Hirnforscher. Und oft handelt er auch danach

Alles wird immer schlimmer.« – »Der Mensch ist des Menschen Wolf.« – »Früher war alles besser.« Mit diesem und ähnlichen Reflexen reagieren zahlreiche Menschen auf eine immer unübersichtlichere Welt. Die globale Umweltkrise, Exzesse des Finanzkapitalismus, Amokläufe in Schulen, Kindesmissbrauch, Korruption – das alles kann verständliche Gefühle von Angst und Hilflosigkeit wachsen lassen. Aber es verstellt auch den Blick für Erkenntnisse, die in eine andere Richtung weisen. Denn es gibt Gründe für die Hoffnung, dass die Welt immer friedlicher wird und wir Menschen das Zeug dazu haben, einiges dazu beitragen zu können.

Was tut ein 18 Monate altes Kind, wenn es sieht, dass einem Erwachsenen aus Versehen etwas auf den Boden fällt? Es hilft. Es kommt herbei, hebt den Gegenstand auf und gibt ihn dem Erwachsenen – ohne dass ihm eine Belohnung winkt, ohne Training und ohne Sprachkontakt. Das haben Forscher am Leipziger Max-Planck-Institutfür evolutionäre Anthropologie herausgefunden: Selbst Kleinkinder ohne besondere Erziehung sind zu spontanem altruistischen Verhalten willens und fähig, sie sind »geborene Helfer«.

Das »triebhaft Böse« ist nicht der psychische Normalzustand des Menschen. Der Mensch ist in seinem tiefsten Innern ein soziales Wesen: Das belegt die moderne Neurobiologie. Sie weiß, dass das Streben nach Gemeinschaft, Frieden, Harmonie schon in unserer Hirnarchitektur angelegt ist. Längst bekannt sind jene neuronalen Systeme im menschlichen Gehirn, die dafür sorgen, dass der Mensch sich wohlfühlt: Im Mittelhirn sitzende »Belohnungssysteme« senden diejenigen Botenstoffe aus, die uns das Gefühl von Lebensfreude, Vitalität oder Motivation schenken können. Heute weiß man: Aktivieren lassen sich diese Glückssysteme im Normalfall nicht, indem ich einem anderen Leid oder Schmerz zufüge. Vielmehr werden die Glückszentren durch ein warmes Bad oder ein leckeres Essen geweckt – aber auch durch soziale Akzeptanz, Zuwendung und Liebe.

»Wer andere sozial ausgrenzt oder demütigt, wird Gewalt ernten«

Joachim Bauer, Mediziner und Psychotherapeut in Freiburg, sieht den Menschen »trotz seiner Unzulänglichkeiten« als ein »Wesen mit moralischen Grundmotivationen. Soweit wir moralisch handeln, tun wir dies nicht nur deshalb, weil Moralsysteme uns dies ›von außen‹ aufzwingen. Auch umgekehrt

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen