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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2014
Fulbert Steffensky: Spiritualität
Warum ich das Wort nicht mehr hören kann
Der Inhalt:

»Ich hab' alles gewaschen«

von Susanne Bach vom 27.06.2014
In ihre Wohnung wurde eingebrochen. Dabei hat Christine L. (52) nicht nur die Uhr ihres Vaters verloren – sondern auch ihr Vertrauen

Ich hätte es ahnen können. Da war doch dieser junge Typ auf dem Motorrad, der den Waldweg hinter dem Haus spät abends hochfuhr und der länger sein Licht in mein Fenster scheinen ließ. Da war doch dieser Mann, der stundenlang am Straßenrand in seinem Auto saß. Da war doch diese Spur im Garten, die nicht von einem Tier stammte. Im Nachhinein ist man ja immer schlauer.

Nach einem Einbruch sieht man seine Wohnung plötzlich von außen: Das Gitter am Kellerschacht hätte ein Zehnjähriger öffnen können. Meine Halsketten hingen aufgereiht im Schlafzimmer, wie mit einem unsichtbaren »Nimm-mich-mit!«-Zettel dran. Ringe und Ohrringe lagen schon fertig verpackt in meinem Schmuckkoffer. Das Bargeld war in der obersten Schublade – da, wo jeder Depp zuerst suchen würde. So was passiert nur anderen, so was passiert nur in der Stadt, so was passiert nur im Fernsehen, habe ich bis vor Kurzem noch gedacht. Alles falsch: Mir passiert so was auch, ja, bei mir auf dem Land, wo jeder jeden kennt, und im wirklichen Leben.

Seit dem Einbruch muss ich dauernd weinen. Für die Täter sind das soundso viel Gramm Gold, aber für mich ist es die Kette meiner Mutter, die sie als einziges Überbleibsel gerettet hat, obwohl sie und ihre Familie im Krieg alles andere verloren haben. Sie haben die Uhr meines verstorbenen Vaters mitgenommen und den Ring, den mir mein Mann geschenkt hat. Hätten sie doch stattdessen mein blödes Auto genommen, das ließe sich leicht ersetzen, hadere ich. Was gäbe ich nicht alles gegen das bisschen Schmuck. Ich würde auf Urlaub verzichten, ich würde viel Geld spenden … Dann wieder überlege ich, was ich den Dieben gern antun würde, und erschrecke über mich selbst.

Was waren das wohl für Menschen, die sich da in meinem Schlafzimmer, in meinem Schrank, in meinem Büro umgesehen haben? Welche Einblicke in mein Leben haben sie gewonnen? Welche peinlichen Sachen haben sie gesehen? Unordnung und schmutzige Wäsche? Ich schäme mich, so als hätte jemand mein Tagebuch gelesen. Und dann schimpfe ich mit mir: Diese Menschen müssten sich schämen, nicht ich!

Meine Mutter beruhigt mich am Telefon: »Dir ist nichts passiert, das Haus steht noch, es ist nur der Schmuck, der weg ist! Es hätte viel schlimmer kommen können!« Das tröstet, ein bisschen jedenfalls.

Aber was wäre gewesen, wenn sie meinen Laptop genommen hätten? Ein beruflicher GAU – und e

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