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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 12/2014
Fulbert Steffensky: Spiritualität
Warum ich das Wort nicht mehr hören kann
Der Inhalt:

Hass und Diplomatie

von Britta Baas vom 27.06.2014
Der Isis-Terror im Nahen Osten hat tiefe Wurzeln. Keine Macht des Westens kann Frieden bringen. Es sind allein einflussreiche Muslime, die das Ruder noch herumreißen können

Was ist nur los im Nahen Osten? Syrien versinkt im Bürgerkrieg, im Irak bekämpfen sich Sunniten und Schiiten bis aufs Messer, und die Kurden im Nordosten des Landes weiten ihr Autonomiegebiet immer weiter gen Westen aus. Das Heft fest in der Hand aber haben zwanzigtausend Kämpfer der Terrorgruppe Isis, deren erklärtes Ziel es ist, einen neuen Staat zu schaffen. »Ihr habt alle säkularen Systeme ausprobiert und unter ihnen gelitten. Jetzt ist das Zeitalter des islamischen Staates gekommen«, heißt es in einem 16-Punkte-Dokument. Es bildet die Grundlage der Isis-Terrorherrschaft in der irakischen Provinz Ninive, und es soll die Grundlage eines künftigen allislamischen Staates sein. Nichts weniger als eine Art Wiedergeburt des Osmanischen Reiches ersehnen die Isis-Kämpfer.

Dass ihnen die Grenzen der existierenden Staaten im Nahen Osten nichts gelten, liegt in einer vor über hundert Jahren beginnenden Geschichte der Demütigung begründet. Noch während des Ersten Weltkriegs teilten westliche Mächte, allen voran Franzosen und Briten, den Nahen Osten in Mandate und Protektorate auf. Aus diesen gingen teils vor, teils nach dem Zweiten Weltkrieg unabhängige Staaten hervor. Doch ihr innerer Friede blieb prekär. Zu groß war die Abhängigkeit der neuen, »künstlichen« Nationalstaaten vom Westen, zu wenig gefestigt ihre innere Struktur. Der Stachel fremder Mächte – die die Idee des Nationalstaates und der Volkssouveränität eingeimpft hatten – saß tief. Das Konzept galt als »unislamisch«.

Und so begann ein schleichender Prozess der inneren Zerrüttung der arabischen Welt: Während auf der einen Seite mehr und mehr Menschen begannen, sich dem westlichen Konzept innerlich anzunähern, kämpften auf der anderen Seite Menschen dafür, eine islamische Identität zu bewahren, in der die jungen Staatengebilde nicht wirklich akzeptiert werden konnten.

Diesen alten Konflikt nutzen die Isis-Kämpfer neu: Sie verbreiten Angst und Schrecken im Namen einer Religion, deren Wahrheit sie so interpretieren, dass ihre Gewalt gerechtfertigt erscheint. Ja, mehr als das: Gewalt soll als einzig mögliche Reaktion auf den Westen, seine politischen Konzepte, seine Bildungspläne und seine Trennung von Religion und Staat gelten. So denken die Isis-Leute. Doch so denken Tausende von Musliminnen und Muslimen im Nahen Osten nicht.

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