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Der kurdische Sänger

von Christian Urech vom 05.06.2015
»Ich heisse Adnan Ibrahim und lebe als kurdischer Flüchtling in der Schweiz. In meiner Heimat war ich einmal ein gefeierter Musiker, ein Star.

Meine Stadt heisst auf Kurdisch Direk und liegt im äussersten Nordosten von Syrien an der türkischen Grenze. In Direk leben fast nur Kurden. Es gibt auch einige Christen, mit denen wir friedlich zusammenleben. Aber mit dem Regime hatten und haben wir immer Probleme – seit über 50 Jahren. Die Behörden nahmen uns 1965 das Land weg und seither haben die Kurden überhaupt keine Rechte mehr. Die kurdische Sprache wurde verboten und viele Kurden haben nicht einmal Papiere. Staatenlose Kurden haben keine Möglichkeit, legal in ein anderes Land auszuwandern. Sie dürfen nicht in staatlichen Behörden und Unternehmen beschäftigt werden und legal keine syrischen Staatsangehörigen heiraten, sie dürfen nicht wählen oder sich zur Wahl stellen.

Nach meiner Schulzeit liess ich mich in Al-Hasakha, der nächstgelegenen grösseren Stadt, während zwei Jahren zum Schweisser ausbilden. Mir war aber schon damals klar, dass die Musik meine Welt, meine Leidenschaft ist.

Ich habe mir das Musizieren selber beigebracht. Ich spiele die Saz, eine Art Gitarre, und auch andere Instrumente wie die Santur, die eine entfernte Verwandtschaft mit dem appenzellischen Hackbrett aufweist. Noten lesen kann ich nicht; ich hätte es gern gelernt, aber es gab keine offizielle Möglichkeit für mich, Musik zu studieren. Im Verlauf meiner Karriere habe ich aber mit praktisch allen kurdischen Sängern und Musikern zusammengespielt und vieles von ihnen gelernt. Ich bin nicht nur Musiker und Komponist geworden, sondern schreibe auch Gedichte und Songtexte für die anderen kurdischen Sängerinnen und Sänger.

Ich trat als Solokünstler auf, spielte aber auch oft in Gruppen. Vor grossem Publikum spielten wir zum Beispiel am 21. März am kurdischen Neujahr (Nouruz), sonst vor allem an Hochzeiten. Das war meine Hauptarbeit. Ich habe acht CDs mit eigenen Liedern produziert und vertrieben. Für die Menschen in Kurdistan war ich ein Star. Viele meiner Liedtexte haben eine politische Aussage. Dadurch bekam ich grosse Probleme. Ich war oft im Gefängnis, wo ich auch gefoltert wurde. Anderen Sängerinnen und Sängern erging es ebenso, weshalb hier und in anderen europäischen Ländern viele Kolleginnen und Kollegen von mir leben.

Zuerst flüchtete ich in die Ukraine. Der Plan war, nach Odessa zu fliegen und von dort in den Westen zu gelangen. Doch das klappte nicht. Zunächst verbrachte ich erst sieben Monate im Gefäng

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