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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 11/2013
Götzen, Geld und die Gerechtigkeit
Was Christen heute herausfordert
Der Inhalt:

Die Ware Mensch

von Barbara Mayrhofer vom 14.06.2013
Frauen in Not: Initiative IN VIA gegen die Zwangsprostitution

Als Deniza S. aus ihrer Heimat Bulgarien nach Deutschland kommt, hat sie noch nie vom Paragrafen 232 des StGB gehört. Sie ist 22 und will für drei Monate als Haushaltshilfe arbeiten, um die Heizung bei ihrer Mutter zu Hause reparieren zu können. Eine Tante in Deutschland hat ihr erzählt, wie viel Geld sie dort verdienen könnte, und angeboten, alles für sie zu organisieren. Bis dahin arbeitete Deniza S. nach achtjährigem Schulbesuch in der Landwirtschaft. Harte körperliche Arbeit, unsicher, mit einem Lohn von knapp zehn Euro täglich. Sie lebte mit ihrem Kind und ihrer Mutter in einer Baracke mit kaputter Heizung. Ein deutscher Job als Haushaltshilfe mit tausend Euro Gehalt, dieses Angebot war verlockend.

Doch im Haushalt hat Deniza S. nie gearbeitet. Sie wurde Opfer von »Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung«, wie es in Paragraf 232 des StGB heißt: Zwangsprostitution. Neueste Zahlen des Bundeskriminalamtes dazu stammen von 2011. Danach waren bundesweit 640 Menschen Zwangsprostituierte. Wie viele es tatsächlich sind, weiß keiner. In Europa, so ergibt eine Studie der EU, wächst der Menschenhandel.

Margarete Muresan berät im Auftrag des katholischen Verbands IN VIA Betroffene in Berlin und Brandenburg. Oft erlebt sie, dass Frauen ihren Fall nicht anzeigen wollen. »Dann ist es für Polizei und Staatsanwaltschaft schwer, genug Beweise zu finden«, bedauert sie.

So auch bei Deniza S. Ihre Tante und deren Freund zwingen sie in ein Bordell. Den Pass nehmen sie ihr ab. Als Deniza S. sich weigert, greifen sie zum stärksten Druckmittel. »Wir wissen, wo dein Kind wohnt«, hört Deniza S. Und so fügt sie sich, arbeitet bis zu zwanzig Stunden in dem Bordell. Von den Einnahmen sieht sie nichts. – Über Umwege kommt sie zur IN-VIA-Beratungsstelle, die ihr eine sichere Unterkunft vermittelt. Nun möchte die junge Mutter nur nach Hause, zu ihrem Kind. »Am meisten schmerzt, dass es jemand aus meiner eigenen Familie war, der mich in die Prostitution zwang«, sagt sie den Beraterinnen.

Wie Deniza S. geht es vielen. Die Aussicht auf ein unkalkulierbares Gerichtsverfahren schreckt sie von der Anzeige ab, sagt Muresan. Frauen ohne Aufenthaltserlaubnis stehen noch mehr unter Druck. Selbst wenn sie vor Gericht aussagen, dürfen sie nur befristet bleiben. Verbände wie IN VIA fordern deshalb für sie ein dauerhaftes Aufenthalt

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