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Vom Mut der Verzweifelten

von Martina Läubli vom 24.04.2015
Ein unbedingt lesenswertes Buch porträtiert Migranten in Marokko

Johannes Bühler
Am Fusse der Festung
schmetterling verlag 2015, 304 S., CHF 26.90

Beinahe täglich erreichen uns Nachrichten von Flüchtlingen, die auf italienischen oder griechischen Inseln landen, von der Küstenwache in Seenot aufgegriffen werden oder bei der Überfahrt des Mittelmeers ertrinken. In den Fokus geraten dabei nur jene Personen, die überhaupt in Europa ankommen. Was mit denjenigen geschieht, die es gar nicht über das Mittelmeer schaffen, fragt kaum jemand. Ein wichtiges Buch blickt hier genauer hin. Der junge Berner Autor Johannes Bühler weiss, dass die humanitäre Katastrophe des Migrationsverkehrs in Zahlen nicht zu fassen ist. Deshalb erzählt er Geschichten. Genauer: Er lässt die Betroffenen, allesamt in Marokko gestrandete Migranten, selbst erzählen. Das Buch »Am Fusse der Festung« verknüpft Reportagen mit lebendigen, äus-?serst spannenden Fluchtprotokollen.

»Ich weinte Tränen. Ich hätte nie gedacht, dass mein Abenteuer so anfangen würde. Aber weil es keine andere Lösung gab, musste ich weitergehen«, sagt Serge aus Côte d’Ivoire, der mitten in der Sahara Sklavenarbeit verrichten muss, um sich das Geld für die Weiterreise zu verdienen. Auch Felix aus Nigeria gerät in die Hände von Menschenhändlern. Die Brutalitäten, die ihm von seinen Folterern angetan werden, sind unvorstellbar. »Ich hatte keine Ahnung, was das für eine Reise ist«, so Felix. »Ich wusste nichts von der Wüste.«

Für die Migranten aus subsaharischen Ländern ist der Weg nach Europa mit Entbehrung, Demütigung und Grausamkeit gepflastert. Der Menschenhandel wird von den algerischen, marokkanischen, malischen und libyschen Behörden nicht geahndet. Und er steht laut Bühler in direktem Zusammenhang mit der europäischen Politik der Abschottung. Da Europa, auch unter Mitwirkung der Schweiz, seine Grenzen abriegelt – der Zaun zwischen der spanischen Enklave Ceuta und Marokko wurde mit europäischen Entwicklungsgeldern ausgebaut und mit rasierklingenscharfen Drahtmaschen, Wachtürmen und Tränengasanlagen versehen –, sind Reisende auf Schmugglerbanden angewiesen. Auch die Behörden im autoritär regierten Marokko wirken an der Diskriminierung und Kriminalisierung der Migranten mit. Aufgegriffene Flüchtlinge werden in der Wüste ausgesetzt oder inhaftiert.

Zwar ähneln sich die Hoffnungen der Porträtierten: auf ein gutes Leben an einem freien Ort, als den sie sich

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