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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 8/2014
Gefährliche Lust
Was tun mit Pädophilen?
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Da bist du ein Nichts«

von Eric Breitinger vom 25.04.2014
Als »Verdingbub« musste Paul Richener (65) auf einem Schweizer Bauernhof schuften. Heute ist er in diesem Dorf Gemeindepräsident

Morgens um halb sechs raus, den Stall ausmisten, dann die schweren Milchkannen zur Käserei am Dorfplatz schleppen. Nach der Schule die Kühe füttern. Am Nachmittag heuen oder Kartoffeln oder Weizen ernten. Oder die kaputte Mauer des Scheunentors ausbessern, ein Migros-Wagen war dagegen gefahren. Meine Initialen im Beton sieht man heute noch. Abends die Kühe melken, um neun ins Bett fallen: So sahen meine Tage aus, seit ich mit zwölf Jahren als Verdingbub auf den Bauernhof in das Dorf im Kanton Baselland gekommen war. Bis in die 1960er-Jahre gab es das in der Schweiz: Die staatlichen Fürsorgebehörden überließen den Bauern Kinder als Arbeitskräfte.

Ich schuftete schwer für mein Essen und meine Unterkunft, gehörte aber trotzdem nie ganz dazu: In der Schule erzählten die anderen von zu Hause, und die Töchter des Bauern berichteten daheim von ihren Erlebnissen in der Schule. Ich schwieg, denn ich hatte niemanden. Als Verdingbub bist du ein Nichts. Man sah mir das an. In der Schule trug ich lange Zeit nur kurze Hosen, ich hatte keine anderen. Später bekam ich welche aus »Schülertuch«, ein Geschenk der Behörden. Der Stoff war grob, billig und kratzte. Die anderen machten sich über mich lustig. Immerhin schlug mich der Bauer nicht so oft wie meine vorherigen Pflegefamilien, ich bekam genug zu essen, Kleider und durfte in die Schule gehen.

Viele andere Verdingkinder erlebten schlimme Gewalt und Missbrauch. Alle Opfer bekommen dieses Jahr ab September einen Betrag aus einem staatlichen Solidaritätsfonds. Das hat die Regierung im März entschieden. Im Frühling 2013 hat sie sich bei den Opfern für ihr Wegschauen und die staatliche Willkür entschuldigt. Ich weiß noch nicht, ob ich einen Antrag stelle.

Das Schlimmste war auch nicht die Zeit als Verdingbub, sondern die Willkür. Mit sechzehn Jahren hatte ich eine Lehrstelle als Hochbauzeichner, das war mein Traumberuf. Plötzlich hieß es: »Pack deine Sachen!« Meine Vormundin stand am Mittagstisch. Ich sollte am Nachmittag weiterzeichnen, der Architekt brauchte den Entwurf. Aber die Vormundin sagte: »Nichts da, du kommst jetzt mit.« Sie brachte mich nach Basel ins Jugendgefängnis und -heim. Viererzimmer, ein schüchterner 16-Jähriger inmitten von Straftätern. Dabei hatte ich nichts verbrochen. Die Behörden »versorgten« dort auch unbescholtene Jugendliche. Ich weiß bis heute nicht, wieso sie mich dahin brach

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