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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 6/2015
Gott will im Dunkel wohnen
Ein Missbrauchsopfer spricht über Kreuz und Auferstehung
Der Inhalt:

»Du fühlst dich als Mensch zweiter Klasse«

von Christine Weber-Herfort vom 27.03.2015
Dicke Menschen gelten bei vielen als dumm, arm und willensschwach. Vor allem Frauen leiden unter Diskriminierung. Die Ausgrenzung von Übergewichtigen wirkt inzwischen so stark wie rassistische Vorurteile. Dabei ist es die Gesellschaft selbst, die sie dick macht

Schön ist das nicht, dick zu sein. Du fühlst dich als Mensch zweiter Klasse. Ich kann die hämischen Blicke schwer ertragen. Deshalb gehe ich auch nicht mehr ins Freibad. Dort haben mir Jugendliche einmal ›Rollmops‹ nachgerufen. Und beim Sturz vom Fahrrad an einer Bordsteinkante haben welche gelacht, bevor mir andere zu Hilfe kamen. Das tut weh. Ich esse nicht mehr als mein Partner, der einen guten Appetit hat und trotzdem schlank ist. In meinem Beruf fühle ich mich nicht eingeschränkt. Doch spüre ich unterschwellig Ressentiments. Ich muss immer ein bisschen besser sein als andere.« (Lea, 38 Jahre, Krankenschwester in Hamburg)

»Wenn ich mir heute meine Kinderbilder anschaue, sehe ich: Ich war kein dickes Kind, eher moppelig, aber ich wurde als die Dicke abgestempelt. In der Grundschule habe ich sehr gelitten. Ich wurde verprügelt, eine schreckliche Zeit. Beim Joggen hat mir neulich jemand ›fette Sau‹ nachgerufen. Darauf verzichte ich jetzt. Ich fürchte, dass meine beruflichen Ziele durch mein Dicksein behindert werden.« (Franziska, 33 Jahre, Kitaleiterin in Berlin)

Franziska und Lea gibt es millionenfach in Deutschland. Sie tragen ein Stigma, ein Auffälligkeitsmerkmal, das sie abwertet: Ihr Körpergewicht überschreitet die Marke, welche die Gesellschaft noch für akzeptabel hält. Lea und Franziska sind dick. Und werden damit zu Ausgegrenzten.

Dicksein ist kein gesellschaftlich neutraler Begriff. Zu diesem Ergebnis kommt hat die Soziologin Eva Barlö sius, die den gesellschaftlichen Umgang mit Übergewicht in einer Mikrostudie untersucht hat. Das Wort transportiere die Aufforderung, sich und den Körper zu verändern. Die Stigmatisierung dicker Menschen sei in den letzten Jahrzehnten enorm gestiegen und habe »mittlerweile eine ähnlich hohe Ausprägung und Verbreitung wie rassistische Vorurteile«.

Dicke Menschen widersprechen dem gesellschaft lichen Ideal des schlanken, erfolgreichen Menschen und werden oft unausgesprochen der Unterschicht zugeordnet. Denn die Wahrscheinlichkeit, dick zu werden, ist zwischen den sozialen Schichten, ethnischen und rassischen Herkünften und den Geschlechtern ungleich verteilt. »Im Allgemeinen gilt: Je niedriger die sozialstrukturelle Position, je größer das Ausmaß ethnischer Abwertung, je gravierender die geschlechtsspezifischen Benachteiligungen, desto höher der Anteil der dickeren Menschen«, erklärt Barlösius.

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