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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2020
Menschen statt Grenzen
Wie eine Feministische Außenpolitik die Welt verändern könnte
Der Inhalt:

»Wie dumm sind die, die an irgendetwas glauben«

von Josefine Janert vom 13.03.2020

Roman. »Metropol« heißt ein Hotel, das 1905 in Moskau erbaut wurde. Heute übernachten Popstars und andere Prominente in den luxuriösen Suiten des Jugendstil-Gebäudes. In den 1930er-Jahren wohnten hier jedoch ausländische Kommunisten, die mit der Sowjetunion sympathisierten. Auch die Großmutter des Schriftstellers Eugen Ruge gehörte zu diesem Kreis. Charlotte und ihr Mann Wilhelm waren den Nazis entkommen und wollten ihre Kraft nun dem Land widmen, in dem sie ihre Ideale verwirklicht glaubten. In »Metropol« beschreibt der 1954 geborene Eugen Ruge ihre Desillusionierung. Nach ihrer Ankunft in Moskau erkennen die beiden schnell, dass der sowjetische Alltag von Ungerechtigkeit und Elend geprägt ist. Schlimmer noch: Die Menschen leiden unter Stalins Terror gegen tatsächliche und vermeintliche Andersdenkende. Einer nach dem anderen werden auch die Kommunisten aus dem Metropol verhaftet, denn der Diktator hält Ausländer per se für politische Abweichler und Verbrecher. Charlotte und Wilhelm fürchten jede Nacht, nun auch abgeholt zu werden. Ruge formt die Geschichte seiner Großeltern zu einem beklemmenden Kammerspiel: Charlotte etwa beschreibt voller Entsetzen den immer leerer werdenden Speisesaal im Metropol und wie ihre Ehe unter dem psychischen Druck leidet. Dennoch hält sie am Kommunismus fest, verspricht, ihre »Klassenwachsamkeit auf ein höheres Niveau zu heben«. Wilhelms ehemalige Partnerin Hilde Tal, jetzt Funktionärin im stalinistischen Parteiapparat, ist sowohl Täterin als auch Opfer. Die dritte Stimme gehört einem Täter, Wassili Wassiljewitsch Ulrich, ebenfalls eine historische Person. Als oberster Militärrichter der Sowjetunion unterschrieb er mehr als 30 000 Todesurteile. Ruge charakterisiert ihn als kleingeistigen Menschen, der an seinem Fortkommen interessiert ist und fürchtet, selbst erschossen zu werden. Ein Zyniker, der in seiner Freizeit Schmetterlinge aufspießt und darüber sinniert, was das Gesellschaftssystem aufrechterhält: »Dass die Menschen glauben, was sie glauben wollen – das ist doch wirklich kein großes Geheimnis. Oder doch? Wie dumm sind die Menschen? Wie dumm sind die, die an irgendwas glauben? Und wie dumm sind die, die nicht einmal merken, dass sie es tun?«

Für seinen vierten Roman hat Eugen Ruge in russischen Archiven recherchiert und Notizen des Geheimdienstes über seine Großmutter zutage gefördert. Ihm gelingt ein facettenreiches Bild dieser Frau – und ei

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