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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2015
Kann Religion Frieden?
Was die Macht des Terrors bricht
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Konfi-Freizeit

vom 13.03.2015

Die erste Mail kam schon zwei Monate vorher: »Herr Pfarrer, unsere Jule lebt gesundheitsbewusst. Wird in diesem kirchlichen Freizeitheim auch biologisch und vollwertig gekocht?« Ich hatte keine Ahnung, antwortete einfach mal unverdrossen »Ja« und wollte mich entspannt zurücklehnen. Doch das ging leider nicht. In den Wochen vor dem geplanten gemeinsamen Wochenende mit den Konfirmanden bombardierten mich die Eltern mit panikartigen Anfragen. Im Stundentakt.

Eine Konfirmandenmutter schrieb: »Magdalena weint seit Tagen, weil sie nicht mit Jeanette in ein Zimmer will (wegen Mobbing im Voltigier-Verein. Wir klagen gegen den Reitstall). Und auch nicht mit Sarah (mangelnde Körperhygiene). Aber auf jeden Fall mit Henriette. Wir erwarten, dass Sie da eine Lösung finden.«

Die nächste beschied mir: »Justin ist quasi gegen alle Nahrungsmittel allergisch. Außer gegen gedünsteten Brokkoli. Es wäre toll, wenn Sie für eine abwechslungsreiche Ernährung sorgen würden.«

Und dann kam auch noch diese Nachricht: »Marco geht immer um acht ins Bett. Wegen seines zarten und sensiblen Gemüts. Bitte singen Sie ihm vorher ein Gute-Nacht-Lied. Vielleicht ›Müde bin ich, geh zur Ruh.‹« Marco ist dreizehn Jahre alt und knapp einen Meter achtzig groß.

Madita hatte sich für die parallel zur Konfirmandenfreizeit stattfindenden Deutschen Juniorenmeisterschaften im Curling qualifiziert – woraufhin ihre Eltern großzügig anboten, sie trotzdem für rund zwanzig Minuten vorbeizubringen, damit sie »das wertvolle Gemeinschaftsgefühl« nicht verpasst. Und Gérome litt neuerdings so stark unter ADHS, dass man ihm nicht zumuten konnte, mehr als zehn Minuten ruhig in einem Raum zu sitzen. Ich würde das sicher verstehen, schrieb die alleinerziehende Mutter von irgendwo unterwegs.

Mein persönlicher Sieger auf der Skala hyperbesorgter Erziehungsberufener bleibt jedoch: »Aufgrund bestimmter Lebensumstände war es uns nicht möglich, unserem Moritz Manieren beizubringen. Aber dafür ist die Kirche ja da. Bitte kümmern Sie sich besonders um seine Tischsitten.«

Und dann kam das Konfi-Wochenende.

Die biodynamische Jule aß die ganze Zeit Chips aus riesigen Tüten, die auf wundersame Weise aus ihren Koffern auftauchten.

Magdalena und Jeanette waren ein Herz und eine See

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