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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 5/2015
Kann Religion Frieden?
Was die Macht des Terrors bricht
Der Inhalt:

»Es passiert im Spiel unglaublich viel«

von Claudia Mende vom 13.03.2015
Waltraud Wellein macht mit Häftlingen Improvisationstheater: Eine Oase im Knast-Alltag

Theaterspielen beginnt auch im Knast mit Aufwärmübungen: Die Häftlinge, mein Kollege und ich stehen im Kreis und stellen uns vor. Dann nennt jeder zum Beispiel ein Tier mit dem Anfangsbuchstaben seines Namens und imitiert dessen Bewegungen. Ich mache selber auch mit. Das ist meist sehr spaßig. Die eigent liche Improvisation geschieht dann in der zweiten Stunde. Ich gebe eine Situation vor, zum Beispiel eine Verabredung im Stadtpark. Daraus ergibt sich dann ein Spiel.

Alle zwei Wochen treffen wir uns für zwei Stunden. Sechs Männer machen im Schnitt mit. Welche Delikte ihnen im Einzelnen zur Last gelegt werden, will ich nicht wissen. Ich kann mich so besser auf den Menschen einstellen, der vor mir steht.

Im Spiel passiert unglaublich viel. Während im Gefängnis für die Häftlinge ja alles reglementiert ist, können sie auf der Bühne ein Stück Freiheit erleben. Sie lachen, weinen und schimpfen. Wer länger dabei ist, wird kreativer, offener. Der Umgang miteinander verbessert sich, weil sie auf die Gefühle anderer Rücksicht nehmen und sich selbst wahrgenommen fühlen.

Manche Häftlinge sind sehr zurückhaltend, tauen dann aber auf. Das Macho-Gehabe ist bald erledigt. Nach dem Spiel sagen sie oft: »Heute bin ich an meine Grenze gekommen, denn das war genau mein Thema.« Doch es gab noch nie eine Situation, in der ich als Leiterin sagen musste: »Stopp, wir brechen ab.«

Theaterspielen ist mein Hobby, seit zwanzig Jahren. Als ich vor drei Jahren zum Arbeitskreis Resozialisierung bei der Stadtmission Nürnberg kam, hatte ich die Idee, es auch dort mal mit Theater zu probieren. Große Inszenierungen ergeben in der Justizvollzugsanstalt Nürnberg keinen Sinn, weil da nur Kurzzeitgefangene einsitzen. Deshalb: Improvisationstheater. Mein Kollege und ich gingen zur Vorbereitung bei einem Theaterpädagogen in die Lehre. Dann sind wir ins kalte Wasser gesprungen. Anfangs war ich sehr aufgeregt. Jetzt habe ich Routine, und die Arbeit macht mir viel Spaß: Ich kann Theaterspielen, und ich kann auch etwas weitergeben.

Gerade haben sich zwei Männer verabschiedet, die ein Jahr lang regelmäßig mitgespielt haben. Für sie war das Improvisationstheater das Schönste in einer schwierigen Zeit. Wir wollen gerne das ganze Jahr über Theaterspiel anbieten. Aber zu zweit ist es manchmal anstrengend; wir könnten gut Verstärk

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