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»Die Lieben gewinnen immer«

vom 04.05.2012
Lernen ohne Unterricht - darüber schrieb Falko Peschel seine Doktorarbeit. Inzwischen hat er eine eigene Schule gegründet

Moritz will schreiben. Er murmelt leise vor sich hin, sucht die richtige Taste auf der Tastatur, tippt, sucht weiter. Langsam geht das, aber Moritz gibt nicht auf. Auf dem Computerbildschirm erscheinen die Buchstaben: »DAKWEDA GRAIWD AN«. Lehrer Falko Peschel sitzt neben ihm und liest vor, was er geschrieben hat: »Darth Vader greift an.«

Das Thema seiner Geschichte hat Moritz selbst gewählt - wie überhaupt alle Kinder in der Bildungsschule Harzberg sich ihre Aufgaben selbst stellen. Was in anderen Schulen nur in wenigen Wochenstunden möglich ist oder vielleicht in einer Projektwoche kurz vor den Ferien, ist hier Alltag: das Arbeiten an eigenen Vorhaben.

Entsprechend engagiert sind die Schüler bei der Sache. Lukas schreibt in sauberen Druckbuchstaben, wie ein hungriger Tyrannosaurus Rex - der zufällig auch Lukas heißt - ein Nest von Diplodocus-Sauriern ausraubt und die Jungen frisst. Mia will einen Vortrag über Löwen halten. Die Fakten hat sie aus einem Sachbuch exzerpiert und dann in den Computer eingetippt. Jetzt sucht sie Grafiken, um die Folien schöner zu gestalten. Besonders gut gefällt ihr die Animation mit dem rennenden Löwen, der läuft und läuft und nicht von der Stelle kommt. Jakob kniet auf dem Boden und beschriftet kleine Zettel, die er aneinanderklebt. Jedes Blatt trägt eine Zahl - die Summe seiner Vorgänger. So entsteht eine gewaltige Zahlenmauer. »Ich bin schon mal über 2000 gekommen«, sagt er.

»Die Kinder sind so verschieden«, sagt Steffi Peschel, »ich kann die nicht unterrichten.« Sie und ihr Mann haben die ehemalige Dorfschule in Ostwestfalen gekauft, das hundertjährige Gebäude aufwendig renoviert und vor drei Jahren in den Räumen eine kleine Grundschule eröffnet. »Eine Schule für Pippi« titelte die Zeitschrift Eltern for family, als sie die Zwergschule ihren Lesern vorstellte. Hier gibt es keinen Lehrer, der an der Tafel steht und Aufgaben diktiert oder vorrechnet. Stattdessen herrscht eine emsige Werkstatt-Atmosphäre. 28 Kinder im Alter von sechs bis elf Jahren lesen, schreiben, rechnen und recherchieren, studieren Theaterstücke ein oder proben für einen Bandauftritt.

Dass Kinder gerne lernen, sich aber ungern belehren lassen, findet Falko Peschel wenig erstaunlich. Er selbst habe sich auf dem Gymnasium nicht wohlgefühlt, erzählt er, den Unterricht empfand er häufig als »verschwendete Lebenszeit«. Dabei wusste er, dass er durchaus fähig war, hart zu ar

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