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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2015
Hat Hass eine Religion?
Die perfide Taktik des islamistischen Terrors
Der Inhalt:

Erschöpftes Abendland

von Brigitte Neumann vom 30.01.2015
Michel Houellebecqs neuer Roman »Unterwerfung« ist nicht islamfeindlich, sondern nur abgrundtief pessimistisch

Die Bezeichnung Provokateur wäre nicht treffend. Er ist auch kein Satiriker, wie etliche Journalisten meinen – vielleicht wegen seines Hangs zu grotesken Szenen. Oder weil man ihn jetzt immer im Zusammenhang mit der Satirezeitschrift Charlie Hebdo nennt. Nein, Michel Houellebecq ist eher ein schonungslos ehrlicher Autor.

Sein Ehrgeiz: Den hässlichen Kern der Wirklichkeit unter allerlei Schmuck, Schminke und Plunder herausschälen und so grell ausleuchten, dass es wehtut. Im Zentrum seiner Geschichten stünden stets Figuren, die ihm selbst ähnelten, sagt er in Interviews. Seine Ehrlichkeit hat also auch etwas von einer Selbstpreisgabe.

Der typische Romanheld Houellebecqs leidet unter Fußpilz, Sexsucht und Selbstverachtung sowie unter metaphysischer Obdachlosigkeit. Das ist bei François in »Unterwerfung« nicht anders.

Neu ist, dass dieser Held in einem vom Bürgerkrieg bedrohten Frankreich lebt und den Aufstieg eines machtbewussten, euro-französischen Islams mit Sympathie betrachtet. Politische Fiktion nennt Houellebecq sein dystopisches Nahzeitpanorama.

Frankreich im Jahr 2022: Die »Muslimische Bruderschaft« stellt den Präsidenten, und zwar als Ergebnis demokratischer Wahlen und in einer Koalition mit den zur Bedeutungslosigkeit geschrumpften Regierungsparteien der letzten Dekaden. Wieso haben über zwanzig Prozent der Franzosen die Muslimbrüder gewählt?

Houellebecqs These im Roman: Durch das Schwinden der christlichen Religion ist ein Werte-Vakuum entstanden, das andere, weniger ermattete und zweifelsfreiere Kulturen förmlich auffordert, es zu füllen. Die religiöse Materie, die augenblicklich nachströmt, ist der Islam. Der Islam als Gesamtlösung: als Religion, Politik und Anleitung zur Lebensführung.

Es ist schon eine besonders grausame Volte des Schicksals, dass »Unterwerfung« in Frankreich am 7. Januar erschien. Am selben Tag exekutierten muslimische Fanatiker fast die gesamte Redaktion von Charlie Hebdo. Als sie schossen, lag vor ihnen auf dem Tisch das neue Heft. Darauf die Karikatur eines rauchenden, angesäuselten Michel Houellebecq mit der Prophezeiung: »2015 verliere ich meine Zähne. 2022 mache ich Ramadan.« Im Heft hätten die Mörder eine Würdigung des Romans lesen können, und zwar als »außerordentlich glaubhafte Zukunftsvision«. De

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