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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 2/2011
Hilfe, Hass und Hexenwahn
Auf der Suche nach einem neuen Haiti
Der Inhalt:

Ein Ort der Verlorenheit

von Eugen Drewermann vom 27.04.2011

Ich kenne weder das Gute noch das Böse. Die Vernunft ist mir kein Gesetz, und was ist die Gerechtigkeit überhaupt?« So lässt der russische Dichter Iwan Turgenjew die Natur, vorgestellt als majestätische Frau in wallendem, grünen Gewand, in einem Traum sprechen. »Ich habe dir das Leben gegeben, und ich werde es dir wieder nehmen, um es anderen zu schenken, Würmern oder Menschen, das ist mir gleich.«

Wer die Wirklichkeit einmal nicht mit den tröstlichen Vorurteilen des (all)täglichen Bewusstseins betrachtet, sondern es wagt, die »unterirdische«, »nächtliche« Seite der »Mutter« Natur wahrzunehmen, dem muss, meint der Dichter, die Welt wie ein Alptraum erscheinen: als kalt, drohend und, wenn überhaupt, dann nur mit »metallener Stimme« (wir würden heute sagen: in Computer-Sprache) zum Menschen redend. Da gibt es kein Anrecht auf Leben, Glück oder Güte. Buchstäblich »gleichgültig« erscheint unter den Augen der allen Lebewesen »gemeinsamen Mutter« Natur die Existenz von allem, was sie ins Dasein ruft.

Wir mussten erkennen: Es kann der Natur nicht um den Schutz des Menschenwesens gehen. Wenn ein »Gesetz« in ihr liegt, so besteht es einzig in der »Optimierung von Information«, das heißt in der Hervorbringung von Strukturen, Funktionen und Verhaltensweisen, die es den einzelnen Lebewesen erlauben, sich immer wirkungsvoller im Kampf ums Überleben (bei der Verbreitung ihrer Gene) durchzusetzen. Erbarmen, Mitleid, Gerechtigkeit, Güte – das alles sind fremde, unangebrachte, irrige Worte, mit denen wir Menschen etwas zu begreifen versuchen, das sich menschlichen Begriffen niemals erschließen wird.

Und eben darin liegt das Problem. Was tun, wenn die immer bessere Erklärung der Natur im Rahmen der modernen Biologie uns als Menschen zutiefst infrage stellt? Was, wenn der Gegensatz zwischen der menschlichen Suche nach Sinn beziehungsweise dem Verstehen der Welt und den Erklärungsmustern der Naturwissenschaften zu einem absurden Paradox gerät? Was, wenn die gesamte religiöse Interpretation der Welt als Schöpfung eines gütigen, weisen und mächtigen Gottes in ihrer bisherigen Form durch die Sprache der Fakten auf das Bitterste als eine bloße Fiktion enttäuscht wird, enttäuscht werden muss?

Absurde Existenz. Was wir heute erleben, ist keinesfalls nur der Zusammenbruch einer bestimmten Denktradition in der (römischen) Theologie. Was

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