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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 1/2015
Die bedrohte Demokratie
Der Inhalt:

Gospel gegen Sklaverei

von Andreas Malessa vom 16.01.2015
»Amazing Grace« gilt als Hymne der Menschenrechte. Dabei war der Verfasser des Liedes einst Sklavenhändler: Die erstaunliche Geschichte des John Newton

Ein Pfarrer steht am Neujahrsmorgen vor seiner Gemeinde: »Ich habe leider keine Predigt fertig bekommen …« Die Leute kichern und nicken sich vielsagend zu. »… weil sich unser Kirchenmusiker William Cowper heute Nacht die Pulsadern aufgeschnitten hat.«

Das Lachen verstummt. Der begabte, aber seelisch labile junge Musiker wohnt seit einigen Monaten mit im Pfarrhaus. Die Dörfler tratschen, Frau Pfarrer halte sich einen Geliebten und einen Ehemann im selben Bett. Neulich waren Steine ins Schlafzimmerfenster geflogen.

»Aber unser armer William wurde gerettet.« Erleichtertes Aufatmen geht durch die Reihen, »so wie ich selbst schon viele Male in meinem Leben gerettet wurde. Deshalb schrieb ich nur diese Zeilen: Amazing Grace! How sweet the sound that saved a wretch like me …«

Es ist der 1. Januar 1773. In der anglikanischen Kirche von Olney in England liest Pfarrer John Newton ein paar Verse vor, die heutzutage als Gospelsong weltberühmt sind: »Amazing Grace«. Beim Gedenkgottesdienst für Nelson Mandela 2013 in Johannesburg, bei der Trauerfeier für Michael Jackson 2009 in Los Angeles, am Sonntag nach dem 11. September 2001 in New York – das melancholisch-tröstliche Lied von der »erstaunlichen Gnade Gottes« ist seit der Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King in den 1960er-Jahren zu einer Art Hymne der Menschenrechte geworden.

Erstaunlich ist das deshalb, weil ihr Texter John Newton ursprünglich Sklavenkapitän war. Warum wurde aus einem brutalen Menschenhändler ein empathischer Pfarrer und Bürgerrechtler? Wer war dieser pausbäckige John Newton, von dem es nur ein einziges, aber unvorteilhaftes Bild gibt?

Zu Hause lernt er fromme Kinderlieder. Vor der Haustür, am Ufer der Themse in London, werden Piraten gehenkt. Seine Mutter stirbt mit 27 Jahren an Tuberkulose. Seine Stiefmutter steckt ihn ins Heim. John Newton, geboren 1725, ist schon als Kind schwer traumatisiert. Als er zur Berufsausbildung nach Jamaika soll, fährt das Schiff ohne ihn ab: Am Kai hat er sich in die süße aristokratische Polly Maria Catlett verliebt. Bei einer Kneipenschlägerei wird er gekidnappt und auf ein britisches Kriegsschiff zwangsrekrutiert. Im Hafen von Southampton springt er von Bord, will zu Polly fliehen. Man schnappt ihn. Auf Fahnenflucht steht die Todesstrafe. Doch John wird nicht gehenkt, sondern »nur« ausgepeitscht. Das nennt er später se

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