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Der Lehman-Schock

von Wolfgang Kessler 14.09.2018
Zehn Jahre nach der Finanzkrise wird gezockt wie eh und je. Die Finanzinvestoren erobern die Welt – auch deutsche Pflegeheime und Krankenhäuser. Was jetzt noch helfen kann. Kesslers Kolumne
Lehman Brothers-Zentrale in New York, fotografiert am 15. September 2008: Zehn Jahre nach der Finanzkrise wird weltweit gezockt wie eh und je, kritisiert Wolfgang Kessler (rechts). (Fotos: pa/Frances M. Roberts; privat)
Lehman Brothers-Zentrale in New York, fotografiert am 15. September 2008: Zehn Jahre nach der Finanzkrise wird weltweit gezockt wie eh und je, kritisiert Wolfgang Kessler (rechts). (Fotos: pa/Frances M. Roberts; privat)

Der Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers am 15.9. 2008 war ein Urknall. Doch wer geglaubt hatte, die Finanzkrise würde das globale Kasino zum Einsturz bringen, hat sich getäuscht. Es wird gezockt wie eh und je. Nicht wenige Fachleute oder solche, die sich dafür halten, spekulieren bereits über einen neuen Crash. Doch das größte Problem ist die Realität: Die Finanzkrise hat die großen Finanzfonds noch mächtiger gemacht, als sie eh schon waren. Ihr Brutalo-Kapitalismus dringt jetzt in jede Ritze dieser Erde ein.

Kesslers Kolumne

Aber der Reihe nach: Für die Regierenden war der Zusammenbruch der Finanzmärkte vor zehn Jahren ein Schock. Sie sahen ganze Volkswirtschaften in Gefahr und haben mit Steuermilliarden die gefährdeten Banken gerettet. Doch wer auf grundlegende Veränderungen des Finanzsystems gehofft hatte, wurde enttäuscht. Die Europäer – und etwas konsequenter noch die US-Obama-Regierung – erhöhten zwar die Eigenkapital-Anforderungen an die Banken, stärkten die Finanzaufsicht und beschlossen zarte Beschränkungen für Spekulationen. Doch der Dynamik der Kapitalmärkte tat dies keinen Abbruch.

Mehr Spekulationen als je zuvor

Noch immer können Investmentbanken und Geldfonds fast unbegrenzt mit Nahrungsmitteln spekulieren. Sie können Kredite in Wertpapiere verwandeln und weltweit verkaufen, obwohl dies eine der Ursachen der Finanzkrise war. Und sie können mit Finanzinstrumenten wie Derivaten oder mit Kreditausfallversicherungen handeln, die eigentlich als Sicherungsinstrumente gedacht sind – es sei denn, es wird mit ihnen auch spekuliert. Nach Angaben der ARD-Sendung Plusminus im September 2018 liegt die Zahl der Derivate, also der Finanzwetten, heute um 30 Prozent höher als 2008.

Mehr Schulden als je zuvor

Gleichzeitig hat sich die Verschuldung von Staaten und Privatverbrauchern seit 2008 drastisch erhöht – eine steigende Verschuldung war auch die Basis der Krise von 2008. Angetrieben von den Niedrigzinsen in Europa, den USA und Japan wird überall auf Pump gelebt. Die Schulden der Privatleute in den USA sind seit 2088 drastisch gestiegen. Die globale Gesamtverschuldung weltweit von Staaten und Privatleuten liegt um 325 Prozent höher 2007, dem Jahre vor der großen Krise.

Da die Ursachenfaktoren für die Krise 2008 heute eher noch stärker wirken als damals, warnen viele Ökonomen bereits wieder vor einem neuen Crash.

Die Finanzinvestoren als Gewinner der Krise

Doch fast noch bedenklicher, als es diese Warnungen vor der Zukunft sind, ist die Gegenwart: Die Finanzinvestoren sind mächtiger denn je. Der größte und mächtigste unter diesen Megafonds heißt Blackrock, zu deutsch »schwarzer Fels«. Diese Fonds sind milliardenschwer, weil sie das Geld von Unternehmen, von Superreichen, von Stiftungen, auch von Pensionskassen verwalten – und investieren. Blackrock betreut Vermögen von etwa 4700 Milliarden US-Dollar – das entspricht mehr als der deutschen Wirtschaftsleistung pro Jahr. Der »schwarze Fels« ist an allen dreißig Dax-Konzernen beteiligt. In zehn Unternehmen ist er der größte Einzelaktionär. An 282 von 300 Weltkonzernen besitzt der schwarze Fels Anteile.

Es ist Ironie des Schicksals, dass diese Megafonds durch die Finanzkrise mächtiger wurden. Denn: Die Banken wurden nach der Finanzkrise wenigstens ein wenig reguliert. Da Blackrock-und-Co-Fonds aber nicht als Banken gelten, heißt es: Regulierung Fehlanzeige. Kontrolle Fehlanzeige.

Billiges Geld treibt die Spekulation

Doch statt das Treiben von Banken und Finanzinvestoren endlich einzuhegen, heizen die Zentralbanken in den USA und in Europa die Spekulationen weiter an: Zumindest die Europäische Zentralbank hält die Leitzinsen bei Null. Kredite wurden so billig wie nie zuvor. Dabei hofften die Zentralbanker und mit ihnen die Finanzpolitiker, dass die Unternehmen jetzt investieren würden wie nie zuvor. Doch genau das tun sie bisher nicht. Sie sehen keine langfristig steigende Nachfrage nach mehr Waren und Dienstleistungen.

Statt mehr Investitionen produziert die Niedrigzinspolitik in erster Linie Vermögensinflation und Aktienspekulation. Und das kann gefährlich werden. Viele Anleger flüchten in Betongold und Landkäufe – und treiben die Preise für Immobilien und Land in spekulative Höhen. Oder aber sie versuchen, vom boomenden Aktienmarkt zu profitieren – und blähen ihn dadurch auf.

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So wird die Geld-Blase immer größer. Während sich das Weltsozialprodukt auf 60.000 Milliarden Dollar beläuft, wird die virtuelle Finanzwirtschaft auf das Zehnfache geschätzt, sagt Thorsten Windeis, der Chefökonom der Norddeutschen Landesbank.

Immer schneller immer mehr Rendite – auch von Kranken

Nun könnte man einwenden: Der normale Bürger, die normale Bürgerin spekuliert nicht und hat mit all dem doch nichts zu tun. Doch weit gefehlt. Das große Geld fließt dorthin, wo möglichst hohe Renditen erzielt werden können. Die Folge: Der private Reichtum wächst rasant – weltweit und in Deutschland. Und mit ihm wächst die Armut von Kommunen, Pflegeheimen, Schulen oder Kindergärten. Dazu kommt, dass die Finanzinvestoren täglich nach Anlage gieren. Und so kaufen sie Pflegeheime und Krankenhäuser – und unterwerfen diese lebenswichtigen Bereiche einem oft gnadenlosen Rendite-Denken.

»Immer schneller immer mehr Rendite«. Mit dieser Maxime treibt die Finanzwirtschaft eine Wachstumswirtschaft an, die überall auf die Welt für die möglichst schnelle Ausbeutung der Ressourcen sorgt. Das rasende Spekulationskarussell ist mit der notwendigen nachhaltigen Entwicklung der Weltwirtschaft nicht vereinbar.

Wie das Geld den Menschen dienen könnte

Das Geld soll den Menschen dienen, sagen christliche Sozialethiker. Doch davon ist die Welt weit entfernt. Will die Politik diesem Grundsatz noch eine Chance geben, dann sind drei Schritte überfällig:

Erstens geht es darum, den Finanzmärkten Grenzen zu setzen: Grenzen für die Kreditvergabe der Banken durch hohe Eigenkapitalquoten: Wenn die Banken jeden Kredit nicht nur mit fünf oder zehn Prozent Eigenkapital, sondern mit 25 Prozent Eigenkapital hinterlegen müsste, wäre die Bankenwelt sicherer. Die Steuerzahler müssten nicht mehr ran. Es geht um Beschränkungen für die Spekulation, indem alle Finanzumsätze mit einer Transaktionssteuer von mindestens 0,1 Prozent belastet werden. Das verteuert die schnelle Spekulation, die Staaten haben höhere Einnahmen. Und es geht darum, auch die Finanzinvestoren einer Aufsicht zu unterstellen und von ihnen Rechenschaft über ihre Geschäfte zu verlangen.

Zweitens muss die Politik – international abgestimmt – die Unternehmensgewinne und die Vermögen konsequenter besteuern und Steueroasen austrocknen. Um mindestens einen Teil des großen Geldes in die Menschen zu investieren, in ihre Bildung, ihre Gesundheit, ihre Pflege und in die Stärkung sozial Benachteiligter. Dann würde mehr Geld den Menschen dienen und nicht der Spekulation.

Drittens braucht es ein Insolvenzverfahren für hoch verschuldete Staaten. Nicht um korrupte Regime zu belohnen. Sondern um zu verhindern, dass Bevölkerungen für Kredite zur Kasse gebeten werden, die an ihre sogenannten Eliten geflossen sind. Deshalb müssten Gläubiger und Schulder ab einem bestimmten Verschuldungsgrad eines Staates in einem Insolvenzverfahren beraten, wie viele Schulden dem Land erlassen werden, wenn es die verbleibenden Schulden fristgerecht bezahlt. Das hätte den wichtigen Effekt, dass keine Kredite mehr leichtfertig an halbseriöse Regierungen vergeben würden.

Im Augenblick regiert das Geld die Welt ins Chaos. Es wäre eine Lehre aus dem Lehmann-Schock, wenn die Politik und wir Sparer zeigen könnten, dass man mit Geld die Welt auch anders regieren könnte.

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