»Viele stehen voll hinter dem Papst«
Publik-Forum.de: Pater Hagenkord, wie geht es weiter mit der Kurienreform im Vatikan?
Bernd Hagenkord: Es geht weiter, Schritt für Schritt. Der vom Papst beauftragte Kardinalsrat K9 hat zügig gearbeitet. Jetzt haben wir Reformvorschläge auf dem Tisch. Die müssen nun ausgearbeitet werden. Was ich aus den einzelnen Abteilungen höre, ist, dass die Vorschläge nicht einfach so eins zu eins übernommen werden, ohne Diskussion. Der Vorschlag, eine Art Superbehörde für Laien, Familie und Leben zu schaffen, packe zu viel Verschiedenes unter ein gemeinsames Dach, ist als eine Kritik zu hören. Was die Wirtschafts- und Finanzreform im Vatikan angeht, ist in einem Jahr vieles verwirklicht worden. Doch müssen Geschäftsbetrieb und Kontrolle noch schärfer getrennt werden.
Bislang verfügten einzelne Kongregationen über Sonderhaushalte. Bei der Kleruskongregation zum Beispiel liefen die Mieteinnahmen der in Vatikanbesitz befindlichen Wohnungen in Rom zusammen. Kommt jetzt tatsächlich die einheitliche, sauber kontrollierte Finanzkasse?
Hagenkord: Ob die Kongregationen sich sträuben, weiß ich nicht. Fest steht: Der im Rahmen der Kurienreform geschaffene Wirtschaftsrat und das neue Wirtschaftssekretariat haben ein Durchgriffsrecht erhalten. Es ist der Wille des Papstes und der Weltkirche, vertreten durch die Kardinäle Reinhard Marx und George Pell, die für diesen Bereich in der Kardinalskommission K9 zuständig sind und beim Konsistorium, der Versammlung der Kardinäle, soeben umfangreich Bericht erstatteten: Alle Finanzen des Heiligen Stuhls und des Vatikans müssen vereinheitlicht und durchsichtig gemacht werden.
Papst Franziskus hat vor Weihnachten die Kurienkardinäle scharf kritisiert und fünfzehn geistliche Krankheiten offengelegt. Kann er seit jener Mahnrede in der Kurie überhaupt noch etwas erreichen? Oder herrscht Obstruktion?
Hagenkord: Ich kenne viele Mitarbeiter im Vatikan, die voll hinter dem Papst stehen. Vor allem auf der mittleren Ebene, den sogenannten Ufficiali, zu denen auch ich zähle, findet Franziskus größte Unterstützung. Auch weil viele Kollegen der alten Art des Arbeitens überdrüssig sind und nun endlich eine Modernisierung wollen, also Offenheit und Klarheit, Beteiligung an Entscheidungen, Kontrolle über laufende Projekte, eine Kultur des wertschätzenden Miteinanders. Viele sind mit dem Tempo des Reformprozesses durchaus zufrieden. Doch wie bei allen Reformen großer Administrationen ist der ganze Prozess komplex, widersprüchlich und auch belastend, zum Beispiel der Umbau der Entscheidungskultur bei laufendem Betrieb. Man kann nicht einfach auf den Knopf drücken und dann funktioniert alles.
Was bedeutet das konkret in Ihrem Bereich?
Hagenkord: Radio Vatikan hat 350 Mitarbeiter, die meisten haben Familie. Alle wissen, dass der Umbau kommt. Doch wie er konkret ausfällt, wissen wir nicht. Werden Sprachprogramme und Redaktionen abgebaut? Die Ungewissheit belastet viele, sie sollte nicht zu lange andauern. Doch sie ist unumgänglich in einem Reformprozess.
Hat der Vatikan jetzt Kabinettssitzungen? Manche Krise unter Benedikt XVI. wäre nicht passiert, würden sich die Chefs der »Ministerien« jede Woche austauschen.
Hagenkord: Nein, eine Kabinettssitzung gibt es noch nicht (lacht). Das macht die Schwierigkeiten der Reform deutlich.
Soeben ernannte Papst Franziskus zwanzig neue Kardinäle – fast alles couragierte Seelsorger in Ländern der Dritten Welt, die seiner inhaltlichen Linie folgen. Baut er in Rom keine Hausmacht auf?
Hagenkord: Dieser Papst betreibt keine Hausmachtpolitik, er setzt nicht auf Günstlinge, baut nicht auf blinde Loyalitäten. Nein, der Dynamiker Franziskus knausert nicht mit Vertrauen, er setzt auf Prozessdenken, auf offene Abläufe, auf Zeit-Geben. All das ist neu in der Ausübung des Papstamtes. Franziskus setzt konsequent auf die Erneuerung der Kirche von den Rändern her. So macht er Soane Mafi, Bischof aus Tonga, das wegen der Klimakatastrophe in der Südsee zu versinken droht, zum Kardinal. Zugleich übergeht er traditionelle, alte Kardinalssitze wie Brüssel, Turin oder Venedig.
