Schlechtes Klima für Gerechtigkeit
Angela Merkels Versuch, die Herausforderungen der Zeit auf machbare Dimensionen kleinzureden, hat zwar mehr als zwei Fünftel der Wählerinnen und Wähler überzeugt – doch mehr als zwei Fünftel trauten dem Versprechen, alles in den Griff bekommen zu können (»Sie kennen mich«), nicht und wählten Parteien, die (mehr oder weniger) die Krisen unserer Zeit thematisierten.
Das diffuse Gefühl, dass »es« so nicht weitergehen kann, ist aktuell weit verbreitet, wobei allerdings unklar bleibt, was mit »so« gemeint sein könnte. Ein Blick auf die globalen Krisen in Zeiten des Klimawandels schärft da die Wahrnehmung. Denn sichtbar wird, dass eine nicht ausreichend gebremste globale Erwärmung die soziale Frage des 21. Jahrhunderts ist. Zwar gibt es gute Gründe für den (wissenschaftlich und politisch) auszutragenden Streit, was denn unter »nicht ausreichend« zu verstehen sei, Einigkeit besteht aber in der Einschätzung, dass eine globale Erwärmung um vier Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts katastrophale Folgen hätte:
Dann könnten Schreckensvisionen von 50 bis 250 Millionen Klimaflüchtlingen Wirklichkeit werden. Sie blieben weit überwiegend in ihren Ländern oder zumindest in ihrer Region. Ihre Flucht würde dennoch soziale, kulturelle und religiöse Spannungen verschärfen. Eine Zunahme gewaltförmiger binnen- und zwischenstaatlicher Konflikte wäre die Folge. Schon kaufen Länder wie China in anderen Weltgegenden Land auf – auch um die Ernährung der eigenen Bevölkerung (bedroht durch die Ausbreitung von Wüsten als Folge des Klimawandels) zu sichern.
Doch nicht nur der Blick auf Entwicklungs- und Schwellenländer zeigt: Der Klimawandel ist die zentrale soziale Herausforderung unserer Zeit. Der Streit um die Energiewende und ihre angebliche Mitschuld an der Zunahme von Energiearmut gibt hierzulande eine Ahnung von kommenden Herausforderungen.
In der Tat hat die »Große Transformation« unserer Produktions-, Konsum- und Lebensweisen hin zu einer sozial gerechten, nachhaltigen und klimagerechten Wirtschaft auch tiefgreifende soziale Dimensionen. Deren Tragweite wird in der öffentlichen – auch in der kirchlichen – Öffentlichkeit unterschätzt.
So könnte es zum Beispiel sein, dass wir für den erforderlichen Umbau der Wirtschaft als Preis den Verzicht auf Wirtschaftswachstum entrichten müssten. Die Systeme sozialer Sicherung aber – seien sie nun kapitalgedeckt oder umlagefinanziert – beruhen auf dem Wachstum der Volkswirtschaft. Sie müssten also einer Postwachstumssituation angepasst werden. Wie das geschehen kann, weiß (noch) niemand.
Oder nehmen wir die Automobilindustrie: Zwar sind die großen Autobauer dabei, ihr Geschäftsmodell zu ändern und von bloßen Autoproduzenten zu Anbietern von Mobilität zu werden – doch ob dies arbeitsmarktneutral geschehen kann, weiß niemand. Werden Zulieferbetriebe sterben? Wird dann die Gewerbesteuer in betroffenen Kommunen einbrechen? Werden sich dadurch soziale Spannungen verschärfen? Niemand weiß es.
Vor diesem Hintergrund muss sich jede kirchliche Stellungnahme zu sozialer Gerechtigkeit mit solchen Herausforderungen auseinandersetzen. Vor allem ist es höchste Zeit, dass kirchliche Wohlfahrtsverbände diese Fragen aufgreifen. Wer, wenn nicht sie, hätte das Rüstzeug, um Antworten auf die neuen sozialen Fragen zu suchen? Noch aber scheinen die kirchlichen Verbände zu schlafen …
Publik-Forum bietet in seiner »Aktion Sozialwort 2013« ein Forum für Verbände, Basisorganisationen und Einzelne, die Wege zu einer gerechten und nachhaltigen Gesellschaft weisen. Die bisher erschienenen Beiträge finden Sie, indem Sie im Info-Kasten »Kirchen-Sozialwort 2013« zu Beginn dieses Textes auf die Titel der zuvor erschienen Beiträge klicken.
