Konfliktbereit für die Armen
Die beiden großen Kirchen arbeiten an einem neuen Sozialwort. Allerdings wird es hinter verschlossener Tür geschrieben, ohne Beteiligung der Basis. Die von den massiven Veränderungen in der Arbeitswelt betroffenen Menschen kamen dagegen beim Sozialwort von 1997 noch selbst zu Wort. Und zwar durch den Konsultationsprozess im Vorfeld des Sozialworts.
Dadurch wurden die Arbeitslosigkeit und ihre Ursachen in strukturelle Zusammenhänge gestellt. Und es wurden die Folgen der Arbeitslosigkeit entgegen der weit verbreiteten »Faulheitsunterstellung« zurechtgerückt, etwa wenn das Sozialwort von Langzeitarbeitslosen als »Menschen ohne Erwartungen« spricht.
Es waren diese Aussagen und Analysen, die dem Sozialwort von 1997 über den kirchlichen Raum hinaus Resonanz in der Arbeitnehmerschaft garantierte. Das Sozialwort ist bis heute ein guter Nährboden, um Solidarität und Gerechtigkeit in der Arbeitswelt auf die Tagesordnung zu setzen, unkonventionelle Bündnisse zu schmieden und politisch aktiv zu werden.
Dabei können wir aber nicht stehen bleiben. Denn seit 1997 haben sich die Ungerechtigkeiten dramatisch verschärft. Die Deregulierung des Arbeitsmarktes durch die sogenannten »Hartz-IV-Gesetze« hat eine Abwärtsspirale eröffnet. Der Kern der Erwerbsarbeitsgesellschaft, nämlich gesellschaftliche Integration und soziale Sicherheit über Erwerbsarbeit erreichen zu können, ist ausgehöhlt.
Acht Millionen Menschen, vor allem Frauen, arbeiten zu einem Lohn, der ein Hohn ist: »Trotz Arbeit arm!« Erwerbsarbeit wird weiter flexibilisiert; es wird Druck ausgeübt, Arbeit um jeden Preis anzunehmen. Scheinselbstständigkeit, Werkverträge, unbezahlte Praktika und die Zunahme der Mini-Jobs sind die Folgen. Unternehmen, die anständige Löhne zahlen, haben im Wettbewerb mit den »Lohndumpern« das Nachsehen.
Arbeit als Mittun an der Schöpfung Gottes: Eine vergessene Idee?
Nichts scheint für die Beschäftigten in den Betrieben mehr sicher zu sein, denn Unternehmensstrukturen und alltägliche Betriebsabläufe werden in einem atemberaubenden Tempo immer wieder umgebaut und dem kurzfristigen Profitinteresse unterstellt. Hauptsache, die Aktienkurse der börsennotierten Unternehmen stimmen. Alles andere zählt nicht, nicht der Betriebsfriede und schon gar nicht die mittlerweile utopische Vorstellung, dass Arbeit Vorrang vor dem Kapital hat.
Arbeit als Ausdruck einer sozialen Tätigkeit, gar als Mittun an der Schöpfung Gottes wird für viele angesichts von Angst, Druck sowie seelischen und körperlichen Belastungen zu einer abstrakten Formel. 1997 waren die Erwartungen an die Kirchen noch groß, dass sie sich zum Fürsprecher der Bedrängten in der Arbeitswelt machen. Solche Erwartungen haben sich unter den Beschäftigten, unter den sozial Benachteiligten heute weitgehend verflüchtigt. Leider!
Nach 1997 haben die beiden großen Kirchen in Deutschland nicht Kurs gehalten. Statt die tiefen Einschnitte zu skandalisieren, sind sie dem neoliberalen Mainstream gefolgt – von einigen löblichen Ausnahmen abgesehen. Ein neues Sozialwort muss dies korrigieren: um der Menschen willen und um der Zukunftsfähigkeit der Kirchen willen, die sich eben nicht im luftleeren Raum oder durch strategisches Management erfinden lässt.
Nur wenn die Kirchen den Raum dafür geben, dass Menschen ihre Ängste und Nöte selbst zur Sprache bringen, nur wenn die Kirchen eine klare, konfliktbereite Option für Gerechtigkeit treffen und sich an die Seite derer stellen, die durch die kapitalistische Wirtschaftsweise unter Druck gesetzt und ausgebeutet werden, wird Bewegung in sie kommen. Das bleibt zu hoffen, denn ansonsten ergibt ein neues Sozialwort der Kirchen keinen Sinn!
