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Politik? Find´ ich gut!

»Wir sind Dialog!«, hatten die Macher des Katholikentreffens im Mai 2012 versprochen. Ihr Präsident Alois Glück resümiert in Mannheim, die Kirche werde politisch gehört und sei auch in ihrer Seele vital: »Es lief kein Riss durch diesen Katholikentag.« Wenn er sich da mal nicht getäuscht hat
von Britta Baas vom 20.05.2012
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»Einen neuen Aufbruch wagen«: Unter diesem Motto läuft der Katholikentag in Mannheim vom 16. bis zum 20. Mai 2012. Der Slogan liest sich rebellisch. Doch die Frage ist: Wie gut schafft es die römisch-katholische Kirche in Deutschland, ihre verkrusteten Strukturen aufzubrechen? Ist noch Leben in der Bude? (Foto: pa/dpa/Uwe Anspach)
»Einen neuen Aufbruch wagen«: Unter diesem Motto läuft der Katholikentag in Mannheim vom 16. bis zum 20. Mai 2012. Der Slogan liest sich rebellisch. Doch die Frage ist: Wie gut schafft es die römisch-katholische Kirche in Deutschland, ihre verkrusteten Strukturen aufzubrechen? Ist noch Leben in der Bude? (Foto: pa/dpa/Uwe Anspach)

»Wir haben eine lebendige, glaubensstarke und vitale Kirche erlebt«, sagt Alois Glück. Laien, Priester und Ordensleute eine mehr als sie trenne. Und was die großen gesellschaftlichen Fragen angehe, so habe der Katholikentag profilierte Akzente gesetzt bei den Themen »Energie und Klima« und »Zusammenleben der Kulturen«.

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Ende gut, alles gut? Alois Glücks Worte verdecken mehr von der Wirklichkeit als sie aufdecken. Sie sind als diplomatische Adresse an Bischöfe, Katholiken und politische Player zu lesen, nicht als journalistische Analyse.

In Wahrheit liefen tiefe Risse durch den Katholikentag. Risse, die sich schon vor dem Treffen in Mannheim zu stattlichen Gräben ausgewachsen hatten: Der viel beschworene Dialogprozess zwischen Basis und Bischöfen funktioniert nicht flächendeckend. Die Seele der Kirche wandert durch eine spirituelle Wüste. Und die gesellschaftliche Wirkmacht der Institution ist im stetigen Sinkflug begriffen.

Am auffälligsten aber war eine überall zu spürende Veränderung grundlegender Art: Die Mehrheit der Katholikinnen und Katholiken traut ihrer Kirchenleitung nicht mehr zu, dass sie zu einem entschlossen Aufbruch in die kulturelle, intellektuelle und religiöse Moderne fähig ist.

Der politische Katholizismus ist gerade »aus« – vielleicht kommt er wieder rein?

Alois Glück sprach bei den täglichen Pressekonferenzen, aber auch auf den Podien, an denen er teilnahm, auffallend oft und gern über die gesellschaftliche Bedeutung der Kirche, über ihre Fähigkeit, mittels Millionen von Katholiken in Deutschland maßgeblichen Einfluss auf politische Entscheidungen zu nehmen. Nur: Der real existierende deutsche Katholizismus ist entscheidungsschwach und verzagt. Ein politischer Katholizismus im besten Sinne ist er schon lange nicht mehr. Ganz im Gegenteil hat er sich – um es in ein Symbol zu fassen – in die Sakristei zurückgezogen. Aus den Fenstern dieser Sakristei ruft er derweil gern und fröhlich nach draußen: »Politk? Find´ ich gut!« Nur welche? An dieser Entscheidung möchte er sich offenbar gerade gar nicht beteiligen. Er hat keine Idee, kein Konzept und keine Verve.

Und so ging – wen kann es wundern – auch keine klare politische Botschaft von diesem Katholikentag in Mannheim aus. Natürlich war die Kanzlerin eingeladen – und kam, um zum Thema »Aufbrüche in eine(r) Gesellschaft des langen Lebens« zu sprechen. Das tat sie am Freitag »High Noon«. Doch zu einem Showdown wurde ihr Auftritt nicht: Angela Merkels Ausführungen blieben im Blick auf die Katholiken unverbindlich und allgemein. Allenfalls geriet ihre Rede zu einer politischen Werbeaktion für die Rente mit 67. Beklatscht wurde sie trotzdem heftig. Und wie um die Unfähigkeit des Katholikentags zu einer politischen Kampfansage augenfällig zu machen, wurde ein Flashmob unter dem Motto »Stoppt den Waffenhandel!« im Keim erstickt: Das von wenigen Aktivisten direkt vor der Kanzlerin ausgebreitete Transparent war ca. drei Sekunden zu sehen; dann räumten sich die Aktivisten unter Buh-Rufen des katholischen Publikums schnell selbst zur Seite.

An Appellen zum politischen Handeln und zum vorausgehenden Umdenken der Katholiken fehlte es freilich während der gesamten fünf Tage des Events in Mannheim nicht: Norbert Lammert forderte von den Katholiken, sie müssten sich stärker gesellschaftlich engagieren. Der Bochumer Pastoralpsychologe Matthias Sellmann kritisierte den »grassierenden Kulturpessimismus der katholischen Kirche«. Misereor-Chef Pirmin Spiegel verlangte vom katholischen Publikum, es möge aktiv werden, um »die Zerstörung des Planeten« durch den haltlosen Verbrauch natürlicher Ressourcen aufzuhalten. Andrea Nahles gab ihrer Befürchtung Ausdruck, die Kirche mache sich selbst zu einer »abgeschlossenen Arche«, wenn sie sich weiter so heftig der modernen Welt und ihrer politischen Entscheidungsprozesse verweigere, wie sie es seit geraumer Zeit tue. Die EKD-Präses und Grüne Katrin Göring-Eckardt diagnostizierte bei einem nicht geringen Teil der Katholiken »Weltflucht«. Weitere Mahnungen und Katastrophenbeschreibungen könnten hier Zeile um Zeile füllen. Es mag an Frustration für´s Erste genügen.

Ein glückloser Herr Glück

Warum aber war dann Alois Glück so bemüht, ständig auf den politischen Busch zu klopfen? Manche Journalistin, manchen Journalisten vor Ort beschlich ein Verdacht: Könnte Herr Glück im innerkirchlichen Dialogprozess so glücklos sein, dass er deshalb zum Ersatz-Thema greifen musste? Auffällig war in Mannheim, wie wenige katholische Bischöfe angereist waren – und wie sehr mancher noch während des laufenden Events hin- und her schwankte, ob er nun kommen sollte oder nicht.

Besonders der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller gab im Pressezentrum täglich Anlass, gespannt ins eigene News-Fach zu schauen. Unter den Neuigkeiten suchte man mit schon fast boulevardgeneigtem Interesse nach dem Stichwort »Bischof Müller«: Kommt er nun? Kommt er nicht? Kommt er ein bisschen – und wenn ja, wie häufig? In Müllers Bistum findet der nächste Katholikentag im Jahr 2014 statt. Ein erzkonservativer Knochen ist der Mann, und das lässt im Blick auf dieses Ereignis nichts Gutes ahnen. Für Mannheim jedenfalls hatte er zuerst zugesagt. Dann ließ er verkünden, er sage alles ab und käme nur am Sonntag, um die Abschlussmesse mit zu zelebrieren. Und dann entschied er sich doch, wenigstens schon am Samstag sein Gesicht zu zeigen. Müller steht für all jene Amtsbrüder, die mit dem Motto des Katholikentages »Einen neuen Aufbruch wagen« enorme Schwierigkeiten haben. Aufbrechen wollen sie eigentlich nicht. Lieber daheim in ihren Bistümern Macht zelebrieren – und ansonsten von den »Plebs« in Ruhe gelassen werden.

Das innere Schisma der katholischen Kirche ist immer noch da

Um den innerkirchlichen Dialogprozess steht es, so scheint´s, nicht wirklich gut. Der Riss, der durch den Mannheimer Katholikentag lief, war denn auch einer, der mit dem Verhalten eines Bischofs Müller am besten zu erklären ist: Es war ein Riss zwischen denen, die gekommen waren, und denen, die sich gar nicht erst in die Debatten und Konflikte hinein begaben.

Das innere Schisma der katholischen Kirche verläuft im Prinzip zwischen Basis und Bischöfen. Doch Mannheim zeigte, dass das Schisma noch weiter geht: Eine gewisse Klientel konservativer Basiskatholiken bleibt einem Katholikentag schon lange fern. Und nun, da der Dialogprozess ausgerufen ist, ist diese Ferne zur festen Einrichtung geworden. Doch in Mannheim wurde auch etwas offensichtlich, dass bislang nicht wirklich öffentlich war: Entlang des innerkirchlichen Risses arbeiten sich ein paar waghalsige Kletterer zur anderen Seite hinüber. Will heißen: Einige wenige Bischöfe sind mittlerweile in der Lage, sich dem Diskurs über innerkirchliche Konflikte zu stellen. Auf dem Katholikentag wurden sie nicht geschont: Was ihnen dort gesagt wurde, welche Fragen von ihnen zu ertragen und zu beantworten waren, war beispiellos. Das zeigt: Der Aufbruch der Katholiken ist immerhin so weit gediehen, dass alle Wunden offen zu Tage liegen. Er ist so weit gediehen, dass kein Amtsträger mehr mit Respekt nur qua seines Amtes rechnen darf. Und er ist so weit gediehen, dass die (noch) kirchlich Engagierten mit Aufbruchswillen ihren Priestern und Bischöfen eine allerletzte Chance geben: Ändert euch jetzt! Ändert die Struktur dieser Kirche, vor allem aber: Ändert die Dialogkultur!

Die ganz Jungen hat die Kirche auf diesem Weg zu einem längst überfälligen Paradigmenwechsel, so scheint´s, längst verloren. In den Sälen und Räumen, in denen Debatten stattfanden, waren die meisten im Publikum über 50. Die Jugend kam zum Katholikentag, aber vor allem, um die jeweils eigene Jugendorganisation zu repräsentieren, um zu feiern, zu singen, zu tanzen und einfach entspannt die Atmosphäre eines sommerlichen Mannheims zu genießen. Die Straßenumfrage der Publik-Forum-Volontärin Teresa Schneider, deren Ergebnis Sie in der nächsten Print-Ausgabe von Publik-Forum lesen können, ergab nach erster Auswertung ein gruseliges Ergebnis: Die Gruppe der »U-30« in der Kirche findet Veränderungen eher verunsichernd als nötig. Frauen am Altar? Nee, das sollen lieber weiter die Männer machen. Mehr Dialog? Bloß nicht, wir wollen Sicherheit und jemanden, der uns sagt, wo´s langgeht! Vielleicht waren Teresas Gesprächspartner nicht repräsentativ. Erschrocken hat sie das Ergebnis in ihrer Altersstufe trotzdem. Vor allem, weil sie selbst zu den Engagierten gehört, die die Welt verändern, gerechter, solidarischer, umweltbewusster machen wollen. Dieses Ziel verbindet Teresa Schneider mit vielen in ihrer Generation. Nur scheinen diese Vielen fast gar nicht mehr aus einer ethisch durchdachten und sozial engagierten katholischen Szene zu kommen. Auch so kann ein Papst Benedikt mit seinem Konzept der »Entweltlichung« auf traurige Weise erfolgreich sein.

Im Alternativzentrum der Reformgruppen ließ man sich von Verzagtheit und Sakristei-Katholizismus aber nicht ins Bockshorn jagen. An drei Tagen fanden dort Diskussionen zu einer großen Bandbreite von Themen statt. Vor allem waren dort auch jene eingeladen und zu hören, die der offizielle Katholikentag lieber draußen halten wollte: Der aufmüpfige Anführer der österreichischen Pfarrer-Initiative, Helmut Schüller. Die »contra legem« geweihte katholische Bischöfin Ida Raming. Der wegen seines offenen Bekenntnisses zur Homosexualität entlassene Theologe David Berger. Der ausgetretene Eugen Drewermann. Die Johanniskirche krachte in manchen Stunden dieser drei Tage aus allen Nähten. Ja, ein Alternativprogramm war nötig – selbst bei diesem, im Vergleich mit vielen vorangegangenen Katholikentagen höchst offenem Katholikentag.

Der glücklose Herr Glück muss nach Mannheim weiter versuchen, die deutsche Bischofskonferenz möglichst in Gänze zum Handeln zu bewegen. »Einen neuen Aufbruch wagen«: Das kann nur, wer in dieser Kirche die Hierarchen mitnimmt auf den Weg.

Die Kirche hat die Katholiken zu Ritualheiden gemacht. Was nun?

Falls Herr Glück Wegzehrung braucht, kann er sie bekommen: bei denen, die der Kirche glücklich schon ein ganzes Stück voraus sind. Auch religiös. Denn dies war der dritte Bereich, in dem sich der nötige Paradigmenwechsel eklatant zeigte: Die jahrzehntelange Auszehrung katholischer Gemeinden in Fragen der Theologie und Religiosität hat ein breit gefächertes katholisches »Ritualheidentum« hervorgebracht. Wer noch in die Kirche geht, ist häufig dort über die zur Heimat gewordenen Formen verankert, fühlt sich im günstigsten Falle wohl in einer Gemeinschaft, mit der er Riten und Rituale teilt, die aus der Tradition stammen. Doch dahinter gibt es eine großes Fragezeichen: Was ist (noch) katholisch? Was muss, darf, kann geglaubt werden? Welche unbekannten Kräfte schlummern im Christentum? Es ist oft unendlich schwer, im Gemeindealltag Ansätze zum Neuen zu verankern – denn es fehlt vielfach selbst die kleinste theologische Basis, bei der Neuerer in der Breite ansetzen könnten. Katholiken sind – man darf es nach diesem Katholikentag des Aufbruchs einmal zu sagen wagen – in großer Zahl durch ihre Kirche theologisch »dumm gehalten« worden. Wer nicht das Glück hatte, an einer innovativen Fakultät Theologie studieren zu können, hat bis heute kaum eine Chance, etwas mitzubekommen von dem, was dieses Fach ausmachen kann: Grandiose Ideenvielfalt, faszinierende Forschung, Potenzial zur Veränderung der Welt. Wie dieser innere katholische Graben zu überwinden sein könnte, darüber vor allem muss nachgedacht werden, wenn der Katholizismus noch irgend etwas bedeuten soll für die Gesellschaft von heute – und die von morgen.

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Personalaudioinformationstext:   Die Autorin ist verantwortliche Redakteurin für Publik-Forum.de. Mehr über Britta Baas lesen Sie hier: http://www.publik-forum.de/wir-ueber-uns/redaktion/britta-baas/

Im Tagebuch zum Katholikentag in Mannheim haben seit dem 16. Mai verschiedene Autorinnen und Autoren geschrieben. Sie alle waren live dabei, haben Podien, Debatten, Begegnungen für Sie in online-Beiträge übersetzt. Schauen Sie noch einmal das gesamte Online-Tagebuch an, indem Sie sich durch das Infokästchen »Mehr zum Thema« am Beginn dieses Textes klicken!

Wenn Sie mithelfen wollen, das Alternativzentrum zum Katholikentag in Mannheim auch noch im Nachhinein zu unterstützen, nehmen Sie Kontakt auf mit der Leserinitiative Publik e.V.
Schlagwörter: Katholikentag Kirche Politik
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