Kirche 2011: Die letzte Chance
Warum der Weg zur kleinen Herde denn problematisch sei, fragte kürzlich irritiert der konservative katholische Publizist Alexander Kissler in einem Streitgespräch mit Alois Glück, dem Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken. Thema war die Zukunft der katholischen Kirche. Glück hatte vor dem Rückzug in die Wagenburg eindringlich gewarnt.
»Ja, es gibt Katholiken und eine Reihe von Bischöfen, die den Weg zur kleinen Herde nicht weiter schlimm finden«, sagt der in Dortmund lehrende Pastoraltheologe Norbert Mette. »Doch eine solche Entwicklung wäre fatal.« Immer noch stünden die Großkirchen – trotz des Missbrauchsskandals – auch für Werte wie Solidarität, gegenseitige Unterstützung und soziale Sensibilität. Wenn die katholische Kirche einfach wegbreche, weil ihr die Mitglieder davonlaufen, hätte dies aus der Sicht des Theologen Konsequenzen, über die sich die Gesellschaft nicht unbedingt freuen sollte. »Es wäre ein Verlust, wenn die katholische Kirche die Caritas einschränken, Kindergärten aufgeben und Schulen schließen müsste. Denn dort geht es immer auch um Nächstenliebe und das Mitleiden mit den Notleidenden.«
Auch deshalb hat Norbert Mette das Memorandum unterschrieben, mit dem inzwischen mehr als 200 Theologinnen und Theologen einen »notwendigen Aufbruch« in der katholischen Kirche fordern und das neben Kritik auch viel Zustimmung gefunden hat. Die Professorinnen und Professoren sind für eine größere Beteiligung der Gläubigen bei der Bestellung von Pfarrern und Bischöfen und für mehr »synodale Strukturen«. Sie treten für »verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt« ein, weil ansonsten die Priester »verheizt« würden und die Gläubigen fernblieben. Sie fordern, dass Rechtsschutz und Rechtskultur in der Kirche »dringend verbessert« werden. Sie klagen den Respekt vor dem individuellen Gewissen und »Vertrauen in die Entscheidungs- und Verantwortungsfähigkeit der Menschen« ein. Sie kritisieren den »selbstgerechten moralischen Rigorismus«, der der Kirche nicht gut anstehe. Und sie wünschen sich »kulturelle Vielfalt« in den Gottesdiensten, die sich nicht »mit Tendenzen zur zentralistischen Vereinheitlichung« vertrage: »Der Gottesdienst darf nicht in Traditionalismus erstarren«, heißt es (siehe Unterstützungsaufruf Seite 41).
XXL-Pfarreien
Weil sich Norbert Mette um die gesellschaftliche Rolle seiner Kirche sorgt, stehen innerkirchliche Reformen wie die Abschaffung des Pflichtzölibats oder die Zulassung von Frauen zum Priesteramt für ihn nicht so sehr im Vordergrund. Die Fusion von Gemeinden zu Großpfarreien beklagt aber auch er, weil damit die Kirche am Ort zu verschwinden droht: »Es kommen Studierende zu mir, die erschüttert sind, dass sich ihre Heimatgemeinde regelrecht auflöst« – Folge der »XXL-Pfarreien«, wie sie im Memorandum genannt werden. Aus diesem Grund haben wohl auch Professorinnen und Professoren unterzeichnet, die ansonsten nicht in vorderer Front zu finden sind, wenn mal wieder Reformen in der Kirche eingeklagt werden.
Auch Judith Könemann, Professorin für Praktische Theologie in Münster, sorgt sich um die Rolle der katholischen Kirche als wichtiger »zivilgesellschaftlicher Akteur«. Sie gehört zum Kreis jener jüngeren Theologinnen und Theologen, die das Memorandum formuliert haben. Da Kirche und Religion zunehmend in der Gefahr stünden, ins Private abgeschoben zu werden, sei es wichtig, für eine glaubwürdige und präsente Kirche einzutreten, sagt sie. Die allerdings müsse die Menschen endlich ernst nehmen.
»Mit unserem Memorandum wollen wir einen Diskussionsprozess anregen«, erläutert Könemann. »Wir richten uns dabei nicht nur an die Bischöfe, sondern an alle Katholikinnen und Katholiken.« Die angesprochenen Probleme – vor allem den Zusammenbruch der Gemeinden und die zunehmende Kluft zur modernen Gesellschaft – gebe es im Übrigen ja nicht erst, seit die Missbrauchsfälle auf den Tisch gekommen seien.
Schon 1989 hatten sich Theologinnen und Theologen in der sogenannten Kölner Erklärung gegen die Entmündigung der Gläubigen durch Rom gewandt. Anlass war die Ernennung Joachim Meisners zum Erzbischof von Köln – gegen den erklärten Willen der Gläubigen. Doch mehr Mitsprache des Kirchenvolkes bei der Besetzung von Bischofsstühlen gibt es nach wie vor nicht. Die katholische Kirche ist eine autoritäre Monarchie geblieben.
Kirche? Nicht mehr glaubwürdig
Mit ihrem Memorandum Kirche 2011 gehen die Theologinnen und Theologen – immerhin bald die Hälfte des Lehrkörpers an den Universitäten – weiter. Sie stellen infrage, dass die katholische Kirche überhaupt eine »glaubwürdige Zeugin der Freiheitsbotschaft des Evangeliums ist«. Sie verweisen darauf, dass die moderne Gesellschaft »in mancher Hinsicht der Kirche voraus« sei, »wenn es um die Anerkennung von Freiheit, Mündigkeit und Verantwortung des Einzelnen geht«.
Diese Anerkennung von Mündigkeit und Gewissensfreiheit fehle zum Beispiel in der Kirche, wenn Menschen ausgeschlossen werden, »die Liebe, Treue und gegenseitige Sorge in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft oder als wiederverheiratete Geschiedene verantwortlich leben«. Hier stehen die Unterzeichner allerdings »in Spannung zu theologischen Überzeugungen und kirchlichen Festlegungen von hoher Verbindlichkeit«, wie die Bischofskonferenz angestrengt kommentiert. Aber genau diese Lehren stehen zur Disposition, weil sie nicht überzeugen. Mit Anpassung an den angeblich so dekadenten Zeitgeist hat das nichts zu tun. Es geht vielmehr darum, überzeugende Erkenntnisfortschritte der Gesellschaft endlich anzuerkennen und nicht zu meinen, dass alles das, was die Kirche von der Gesellschaft unterscheidet, von vornherein Ausweis göttlicher Auserwähltheit sei.
Mal angenommen, es gäbe nur noch hundert Priester....
Zu den Lehren, die nicht mehr überzeugen, zählt auch die offizielle Amtstheologie, die inzwischen zur Erosion vieler Gemeinden führt. Wenn bewährte alleinstehende oder verheiratete Männer und Frauen aus den Gemeinden heraus zu haupt- und ehrenamtlichen Priestern beziehungsweise Priesterinnen geweiht würden – das Memorandum bleibt hier etwas unbestimmter, wenn es nur von »Frauen im kirchlichen Amt« spricht –, dann hätte die katholische Kirche keinen Priestermangel und auch keine seelsorgliche Notsituation. Dann bräuchte es die verordneten Großfusionen von Gemeinden nicht, die jetzt für so viel Ärger, Wut und Enttäuschung auch bei »ganz normalen« Gemeindemitgliedern führen. Denn die amtskirchliche Zukunftsstrategie ist ja ganz schlicht: Einmal angenommen, es gäbe in einigen Jahren nur noch hundert Priester in ganz Deutschland, dann würde es eben auch nur noch hundert Pfarreien geben.
Bereits am 9. Februar 1970 hatten neun deutsche Theologieprofessoren in einem Memorandum an die Bischöfe geschrieben: »Wenn ohne eine Modifizierung der Zölibatsgesetzgebung ein genügend großer Priesternachwuchs nicht zu gewinnen ist …, dann hat die Kirche einfach die Pflicht, eine gewisse Modifizierung vorzunehmen.« Ob sich Joseph Ratzinger, der heutige Papst, und sein Kurienkardinal Walter Kasper heute noch gerne an ihre eigenen Sätze erinnern? Wohl eher nicht. Damals, als junge Professoren, fragten sie, »ob die bisherige Weise, in der die priesterliche Existenz realisiert wird, in der lateinischen Kirche die einzige Lebensform sein könne und bleiben müsse«. Heute denken die Autoren darüber sehr anders. Das Sein bestimmt eben das Bewusstsein.
»Ich erlebe es jeden Tag in der Schule«
Gefreut über das Memorandum der Theologinnen und Theologen hat sich Irmgard Alkemeier. Sie ist Religionslehrerin in Münster. Sie will sich jetzt dafür einsetzen, dass sich auch die diözesanen Religionslehrerverbände und der Bundesverband dem Memorandum anschließen. »Ich erlebe es jeden Tag in der Schule, wie schwierig es ist, die Schülerinnen und Schüler überhaupt zu motivieren, sich mit der Kirche auseinanderzusetzen.« Die Jugendlichen seien »weit weg« von der Kirche. »Wenn jetzt auch noch in den Gemeinden alles den Bach runtergeht, dann wird es für uns Religionslehrerinnen und Religionslehrer noch schwieriger.«
Sonderlich optimistisch, dass sich etwas Grundlegendes in der katholischen Kirche ändern und das Jahr 2011 zum »Jahr des Aufbruchs« wird, ist Irmgard Alkemeier nicht. Norbert Mette hofft, dass die Erinnerung an vierzig Jahre Zweites Vatikanisches Konzil im kommenden Jahr neue Kräfte freisetzt: »Wir dürfen uns das Konzil nicht aus der Hand nehmen lassen«, beschwört er seinen Optimismus. Wenn sich nichts bewege und »die letzte Chance zu einem Aufbruch« verspielt würde, dann, sagt Judith Könemann, »befürchte ich, dass der schleichende Prozess der Erosion weitergeht«. Dann grüßt die kleine Herde: die Sekte.
