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Der Regen geht, die Schirme bleiben

In Regensburg scheint endlich die Sonne! Aber das hat seltsame Auswirkungen: Sofort lassen Frauen und Männer massenweise ihren Regenschutz liegen. Das Fundbüro, so meldet das Pressezentrum heute, weiß gar nicht mehr wohin mit all den Pelerinen und Schirmen, Jacken und Kappen. Schutzlos wandelt derweil der Katholik durch Regensburgs Straßen und Gassen. Zu viel Urvertrauen ist vielleicht auch nicht gut ...
von Britta Baas vom 30.05.2014
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Das Ende des Regens: Heute scheint endlich die Sonne in Regensburg. Ob man sich da aber schon unvorsichtig ganz ohne Schirm und Pelerine nach draußen wagen kann? (Foto: pa/dpa/Uli Deck; Grafik: www.katholikentag.de)
Das Ende des Regens: Heute scheint endlich die Sonne in Regensburg. Ob man sich da aber schon unvorsichtig ganz ohne Schirm und Pelerine nach draußen wagen kann? (Foto: pa/dpa/Uli Deck; Grafik: www.katholikentag.de)

Es musste ja einfach mal besser werden. Gestern strömender Regen, heute strahlender Sonnenschein. Und natürlich haben es die Optimisten immer gewusst. Der Katholikentag wird nicht in Nässe untergehen!

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Wo Zweckoptimismus sich in Wetterfragen bewährt, wird er selbstverständlich auch auf andere Bereiche des Lebens angewandt. Der Katholik denkt tendenziell positiv, und immer rechnet er mit Beistand von oben. Rote Ampeln in Regensburg? »Wenn alle gehen, kann nichts passieren!«, rufen zwei Jungs in die wartende Menge. Prompt setzt sich der Fußgänger-Tross in Bewegung. Alle queren die Straße, und selbstverständlich halten die Autos an. Das Wise Guys-Konzert im Stadion an der Uni Regensburg droht im Donnerstagabend-Regen unterzugehen? Nichts da! Die Wise Guys singen einfach ihren Hit »Jetzt ist Sommer!« – und schon sind 8000 Fans glücklich. Das bisschen Regen...! Das kann doch nur notorische Nörgler stören. Und auch mit notorischen Katholikentags-Kritikern weiß der entspannte Katholik umzugehen. »Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen«, mahnt die Giordano-Bruno-Stiftung mit einem Pappmaschee-Moses und einer 11. Gebots-Tafel vor dem Dom. Höchst ärgerlich, so findet die Stiftung, dass der Katholikentag nicht nur von der Kirche und den Teilnehmern, sondern zu einem Drittel auch von der öffentlichen Hand finanziert wird. Ein ernstes Thema, fürwahr! Dem begegnet ein Mann mit Katholikentags-Schal um den Hals und mit Flachmann und kleinen Gläsern in der Hand auf versöhnliche Weise: »Wir können ja wenigstens mal Einen zusammen trinken«, sagt er zu den Herren mit ernsten Mienen. Und die zeigen Größe und nehmen ein Gläschen: Der kleine Frieden ist eben auch über Gräben hinweg möglich.

In der Dreineinigkeitskirche und in der benachbarten Oswaldkirche tagt derweil der »Katholikentag Plus«. Auch hier sind Optimisten versammelt. Ist doch das Zentrum Von Wir-sind-Kirche, der Evangelisch-Lutherischen Dreieinigkeitsgemeinde und der Leserinitiative Publik-Forum nicht im offiziellen Katholikentags-Programm vermerkt. In die eine Kirche passen 500, in die andere gut 1000 Leute hinein. Hilfe! Werden wir die Reihen da überhaupt voll kriegen? Die Sorge der Veranstalter, die auch bis in die Publik-Forum-Redaktion vorgedrungen ist – schließlich sind viele von uns als Akteure am »Katholikentag Plus« beteiligt – erweist sich als unberechtigt. Die Menschen strömen in beide Kirchen und geben damit ein Zeichen, dass sie ein solches Plus-Programm wünschen und wollen. Wie gut, dass es Menschen gibt, die den zeitweise leicht wankenden Optimismus anderer durch ihre Gegenwart bestätigen!

Am Freitagnachmittag bin ich selbst dran mit der Moderation des Podiums »Viel geliebt und heiß umstritten: Demokratie in der Kirche«. »Mein« Podium braucht mich eigentlich gar nicht, weil alle mit Herzblut debattieren. Das ist das Ideal jeder Moderatorin. Helmut Schüller, Gründer der österreichischen Pfarrer-Initiative für mehr Demokratie in der Kirche, erzählt, dass bislang kein einziger Bischof gefunden wurde, der sich hinter die Pfarrerinitiative stellt. Aufgeben komme trotzdem nicht in Frage. Der Mann hat schon Einiges hinter sich an kirchen-herrlichen Affronts und Degradierungen. Er scheint ein festes Seelengerüst zu haben, das ihn das alles aushalten lässt. Christa Nickels, grün-katholisches Urgestein, rät den Frauen in der römisch-katholischen Kirche zum Exodus, wenn sich partout nichts ändern sollte in der Männerkirche. Kirchenrechtsprofessorin Sabine Demel verlangt eine »freiwillige Selbstbindung« des Klerus an Mitbestimmung und Menschenrechte. Und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm berichtet von den Schwierigkeiten auch in der evangelischen Kirche, in Streitfragen einen Konsens zu finden, wenn die Synoden vor der Zerreißprobe stehen. Trotzdem gelinge viel, was er selbst manchmal für unmöglich gehalten habe: »Im Dialog bleiben ist alles.«

Ja, der Dialog! Ob man damit im Katholischen weiterkommt? Der »Dialogprozess«, den die katholischen Bischöfe organisierten und der mittlerweile von vielen Katholikinnen und Katholiken nicht mehr ernst genommen wird, hat sich totgelaufen. Das denke ich, als ich die Kirche am späten Nachmittag verlasse. Wahrscheinlich liegt es daran, dass gar kein echter Dialog gewollt wurde. Wie soll man da als Katholikin noch Vertrauen haben? Wenn die schönen Worte benutzt werden, um Unschönes zu zementieren? Wenn doch alles so bleibt, wie es ist?

Helmut Schüller scheint ein solcher Frust nicht anzufechten. Der Mann bleibt Optimist. Das hätte ich eigentlich schon vor Beginn des Podiums erkennen können. Und zwar an einem geheimen Zeichen.

Helmut Schüller trug nämlich Trenchcoat. Obwohl es gar nicht mehr regnete! Obwohl Massen von Katholikinnen und Katholiken im blinden Vertrauen auf einen strahlend blauen Himmel an diesem Tag all ihre Schirme, Mützen, Jacken und Pelerinen irgendwo hatten liegen lassen! Weil sie meinten, sie einfach nie wieder zu brauchen. Schutzlos durch die Straßen und Gassen wandelten. Voller Urvertrauen. Schüller dagegen: im regensicheren Mantel! Nicht, dass es ihm an Urvertrauen mangeln würde. Aber ein katholischer Optimist mit knallharter Kirchenerfahrung hat immer eine Sicherheitsweste dabei. Pardon, einen Sicherheits-Trenchcoat. Das macht das Optimist-Sein bedeutend leichter.

Von Helmut Schüller lernen heißt katholisch sein lernen, stelle ich fest. Nächste Woche kaufe ich mir einen Trenchcoat.

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