Kinder und andere fromme Wünsche
»Bitte nicht stören« - diesen Titel trägt eine Kampagne, die Ärzte, Hebammen, Frauenbeauftragte und die Behindertenhilfe gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Das Ziel: Werdenden Müttern ihr Vertrauen in den eigenen Körper zurückzugeben und Schwangerschaft wie Geburt als Erlebnis aufzuwerten. Das tut offensichtlich Not - statt sich auf ihre Babys zu freuen, sehen sich Schwangere immer mehr mit Versagensängsten konfrontiert. Kinder zu bekommen hat längst nichts Natürliches mehr - immer weniger Frauen entscheiden sich für Kinder, und immer seltener passiert es einfach so. Der Nachwuchs wird heute beinah genauso geplant wie der Kauf eines neuen Autos oder einer Eigentumswohnung. Nichts wird dem Zufall überlassen, alles muss perfekt sein. Auch das neue Leben. Bald nach der Zeugung wird es denn auch überwacht: durch Bluttests und mit Ultraschall. Den gläsernen Embryo gibt es längst - und mit dem werdenden Leben auf dem Bildschirm offenbaren sich auch seine möglichen Defizite. Vorsorgeuntersuchungen dienen dazu, Kind und Mutter im Krankheitsfall optimal versorgen zu können. Heißt es. Doch einmal im Mutterpass festgehalten, dokumentieren die unzähligen Tests der Pränataldiagnostik Schwangeren vor allem eines - die möglichen Makel ihres Nachwuchses. Eine Schwangerschaft, so scheint es, ist eine Krankheit, und als solche muss sie behandelt werden. Doch: Frauen beweisen ihre Gebärkompetenz seit Menschengedenken, die Mehrzahl bringt gesunde Kinder auf die Welt. Gesund und fröhlich zu sein sind aber längst keine Werte mehr, mit denen sich die Gesellschaft anfreunden kann. Sie verlangt mehr von ihrem Nachwuchs. Mit der Pisa-Studie ist schließlich das offen zu Tage getreten, was sich längst subtil formiert hat: Mittelmäßigkeit ist out, Behinderungen behindern. Wer für seinen Nachwuchs die eigene Karriereplanung einschränkt, glaubt wenigstens eines verlangen zu dürfen: ein funktionstüchtiges Kind in gesellschaftlicher DIN-Norm.
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