Leserbrief
Falscher Fokus
Abgesehen von den irritierenden Illustrationen scheint der Artikel ein Ausdruck der Hilflosigkeit zu sein. Mit einer psychologisierenden Deutung des Wählerverhaltens von AfD-Anhängern ist nichts erreicht, geklärt oder gar verändert. Es ist der falsche Fokus. Das Problem liegt nicht in der Psychologie, sondern im mangelnden politischen Diskurs. Statt um Wahlergebnisse, Stimmungen und Sitzverteilung in Parlamenten wäre es angebracht, einen gesellschaftlichen Diskurs über Werte und Ziele zu führen. Nur so können politische Inhalte wieder die Bedeutung erhalten, die erforderlich ist. Auch Publik-Forum bleibt mit diesem Artikel einen Beitrag zu einem solchen Diskurs schuldig. Reinhard Wick, Albertshofen
Die Menschen wählen AfD, weil es Spaß macht, weil es was bewegt. Es macht anderen Angst und macht sie ratlos. Der AfD-Wähler und -Funktionär ist der Akteur, der ohne Wenn und Aber, ohne Scham und Schuldgefühle sich (daneben) benimmt. Das gesamte Spektrum des AfD-Wesens ist eine generalisierte Katharsis, mit einer befreienden, reinigenden, erlösenden Wirkung durch Ausleben, Ausdrücken und Durchleben von emotionalem Druck, Ängsten, Zweifeln, echten und eingebildeten Kränkungen, inneren und äußeren Konflikten. Die Feinde stehen fest, denen geschieht es recht, es gibt keine Rücksicht: Ausländer, Migranten, Wissenschaftler, Künstler, alternativ Lebende, beeinträchtigte Menschen und so weiter. Im Grunde ist dieses Denken und Handeln primitiv, verachtend, einfach und dumm. Es hat aber Wirkung, weil es keine Scham und moralische Grenze gibt. Wilhelm Stauch-Becker, Stuttgart
Entschiedener Widerspruch gegen Ihre Wahlbetrachtung und den Aufmacher »Lust an der Zerstörung«. Das geht zu weit. Ich bin kein AfD-Freund, aber ich sehe kein Bedürfnis nach »Erneuerung durch Zerstörung« bei den Wähler:innen. Auch keine »Sehnsucht nach dem großen Bruch«. Auch dass Sie Corona noch einmal neu interpretieren, passt einfach nicht. An anderer Stelle listen Sie das Staatsversagen teilweise auf. Endlich einmal. Ja, hier müssen Sie tiefer graben. Wenn die AfD mit ihren blauen Mopeds so einen »volksnahen« Eindruck macht, weshalb kann das niemand wirksam kontern? Weshalb reisen die Granden aus Berlin und Magdeburg mit Limousinen und Chauffeuren zur Wahlversammlung an, wenn überhaupt? Dem Volk in die Augen und Herzen schauen geht anders. Hubert Kauker, Mühlheim an der Ruhr
Ereignet sich immer wieder in der Geschichte, dass Entwicklungen von Umbrüchen begleitet sind. Vernunftgeleitete, geduldige Entwicklungsschritte wären zwar idealer, die gesellschaftspolitische Realität verläuft aber häufig anders. Der Artikel und das anschließende Interview zeigen interessante (gruppen-)psychologische Hintergründe des Zuspruchs für die AfD auf, solche psycho(-pathologischen) Analysen ließen sich aber auch für andere Aktivisten in der politischen Arena aufstellen. Bei allen Versuchen, psychologische Motive zu erhellen, sollte man nicht vergessen, dass Demokratie der Versuch ist, sachdienliche Lösungen für möglichst viele Menschen zu finden. Somit ist es sehr einseitig, Zerstörungslust in den Mittelpunkt des Phänomens Wahlerfolg der AfD zu stellen. Andreas Schiebe, Bad Neustadt

