Leserbrief
Streit um Pazifismus
Ich bin verwundert über die versteckte Kriegsorientierung mit Fragezeichen auf der Titelseite der Ausgabe: »Frieden um jeden Preis?« Paul Oehlke, Köln
Margot Käßmann legt überzeugend dar, dass Sicherheit nicht gegeneinander, sondern nur miteinander möglich ist. Würden die Amtskirchen anstatt ihres mehrheitlichen Gehorsams ihre humanistischen Positionen entsprechend des Evangeliums überzeugend vertreten, hätten die Kirchen vielleicht noch etwas mehr Einfluss auf Politik, Medien und Öffentlichkeit – anstatt ihrer peinlich schwindenden Bedeutung. Frau Käßmann hat das Christentum im Gespräch wahrhaftig vertreten. Heinrich Günther, Dresden
Stephan Anpalagan unterliegt der verbreiteten Verniedlichung des Krieges, in der angeblich die Bevölkerung durch die kämpfende Truppe geschützt wird. Wer sich die Aufmarschpläne für den Spannungsfall anschaut, sieht, dass die gesamte zivile Struktur dem militärischen Primat untergeordnet wird. Die Bevölkerung hat dem Militär zu helfen, nicht umgekehrt. In Krankenhäusern werden medizinische Maßnahmen für die Bevölkerung zugunsten der Wiederherstellung der Kampfkraft verletzter Soldatinnen und Soldaten zurückgestellt. Die Produktion wird den militärischen Erfordernissen angepasst. Im Krieg siegt einzig die Gewalt, die Kriegsparteien sind ihr unterworfen.
Dirk Harms, Schwerte
Allzu gern wüsste ich, wie Margot Käßmann antworten würde, wenn sie sich in der Ukraine befände und für ihr Volk wählen müsste zwischen einerseits Kapitulation beziehungsweise Unterwerfung unter das russische System und andererseits gewaltsamem Widerstand.
Peter M. Lange, Henstedt-Ulzburg
Persönlich mag Margot Käßmann den Wehrdienst ablehnen, was ich in meiner Jugend auch getan habe. Heute sehe ich das anders. Sicher, viele fliehen aus der Ukraine, aber die Mehrzahl bleibt. Es ist unsere Pflicht und Schuldigkeit, sie bestmöglich zu unterstützen. Bezogen auf die Wirtschaftskraft und die Bevölkerungszahl ist da noch viel Luft nach oben.
Fritz Steven, Ratingen
Margot Käßmann fragt, warum nicht Kirchenführer, Rabbiner, Imame und andere Religionsvertreter gemeinsam in die Ukraine fahren und sich zwischen die Fronten stellen. Als Katholik wünsche ich mir, dass der Papst seine hohe moralische Autorität einsetzt, um bei den gefährdeten ukrainischen Energieanlagen für den Frieden zu demonstrieren. Notfalls mit der Ankündigung, so lange zu bleiben oder wiederzukehren, bis die Waffen schweigen.
Rudolf Grupp, Königswinter
Bei den meisten Kriegen geht es nicht um Frieden, sondern um Interessen, auch hier. Wenn vom Pazifismus gesprochen wird, versteht man leider darunter fast immer: keine Waffen. Aber der Pazifismus ist keine Meinung, sondern eine Haltung: Ich möchte, dass die Völker friedlich zusammenleben können, um viel Leid zu verhindern, und ich bin bereit, mich dafür einzusetzen – je nach Lage der Dinge. Erika Leube, Heilbronn
Warum kommt Margot Käßmann nicht auf die Idee, gemeinsam mit Sahra Wagenknecht, Alice Schwarzer und Gabriele Krone-Schmalz nach Moskau zu reisen, um Wladimir Putin zur Rede zu stellen?
Andreas Huth, Großpostwitz
Dietrich Bonhoeffer wird im Streitgespräch irreführend erwähnt. Das Bildwort von »dem Rad in die Speichen fallen« benutzte Bonhoeffer schon 1933, um die Kirche zu drängen, das diskriminierende Gesetz, Menschen jüdischer Herkunft aus den Ämtern zu entfernen, nicht zu übernehmen! Es ging dabei weder um Gewalt noch um Krieg! Sicher kann jeder heute dieses Bild auch anders verwenden. Er sollte aber bedenken, dass mit dem »Rad« damals das »Rad der Weltgeschichte« gemeint war, was den gefährdet beziehungsweise zermalmt, der in die Speichen fällt.
Reinhard Müller, Waldhufen
Die Einlassungen von Margot Käßmann nehmen Christen aus der ehemaligen DDR das schlechte Gewissen. »Frieden schaffen ohne Waffen«, »Schwerter zu Pflugscharen« und die unter Federführung von Heino Falcke getätigte Aussage, dass die Wehrdienstverweigerung das deutlichere Zeugnis des Friedensgebots Christi sei, als der Dienst als Bausoldat oder gar der Waffendienst, werden quasi memoriert.
Christine und Rudolf Grzegorek, Görlitz
Gerade das, was es zu verteidigen gilt, wird im Krieg zerstört! Ganz abgesehen von den ökologischen Schäden, die das Militär schon in Friedenszeiten anrichtet. Wollen wir das? Wir haben eine Alternative in der »sozialen Verteidigung«, auch »gewaltfreier ziviler Widerstand« genannt. Dazu wünsche ich mir tiefergehende Artikel, verbunden mit der entschieden christlichen Botschaft der Gewaltfreiheit.
Peter Goll, publik-forum.de

