Nichts als ein Dichter
Als Heinrich Heine wieder einmal bei seinem reichen Onkel Salomon Heine in Hamburg zu Besuch gewesen war, wurde er gefragt, wie er denn behandelt worden sei. »Ganz famillionär«, war die Antwort. Heine ist ein ungemein witziger Autor. Zugleich ist er polemisch, geistreich, politisch und romantisch-lyrisch. Und ein wenig frivol. Auf den alten Fresken des Doms in Lucca »blinzelt aus den fromm gesenkten Augenwimpern mancher Madonna ein so schalkhafter Liebeswink, als ob sie uns gerne noch ein zweites Christkindlein schenken möchte«, schreibt Heine. Diese Mischung ist in der deutschen Literatur einmalig. Heines Witz ist vor allem jüdischer Witz. Es ist der Witz derjenigen Bevölkerungsgruppe im Deutschland des 19. Jahrhunderts, die sich assimilieren möchte und doch einer an Leib und Leben gesicherten Existenz eben nicht sicher sein kann. Schon gar nicht einer geachteten Position und einer Karriere. Heine gestand 1825 freimütig, um das Eintrittsbillett zur europäischen Kultur zu erhalten, habe er sich taufen lassen (das war in Heiligenstadt). Denn »ich habe nicht die Kraft, einen Bart zu tragen und mir Judenmauschel nachrufen zu lassen und zu fasten. Ich habe nicht einmal die Kraft, ordentlich Mazzen (das ungesäuerte Brot der Juden) zu essen«. Die Pogrom-Erfahrung, wie er sie in seiner unvollendeten Novelle Der Rabbi von Bacharach beschrieb, hat ihn ein Leben lang nicht losgelassen. (So reagierte er mit einer ungemein scharfen Polemik, als August von Platen ihm vorwarf, seine Lyrik rieche nach Knoblauch. Und sicher galt für Platen Heines Satz, dass er seinen Feinden gerne verzeihe, aber erst an dem Tag, an dem er sie hängen sehe.) Weil die mittelalterliche Kirche Geldgeschäfte und Handel für gute Christen verpönte, waren die Juden gesetzlich dazu verdammt, »reich, gehasst und ermordet zu werden«. Welch ein Irrsinn, so fährt Heine fort, ebendas Volk, »das der Welt einen Gott und eine Moral gegeben hat«, wird als Volk der Gottesmörder verschrien. Heines Witz ist also ein Witz, der die ungesicherte Situation am Rande der Gesellschaft, bei Heine noch verstärkt durch sein politisches Engagement, auf heitere Weise erträglich macht.
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