»Weg von all dem Wohlstandsschrott«
Publik-Forum: Herr Paech, was heißt für Sie Befreiung vom Überfluss?
Paech: Wir müssen weg von elektrischen Küchengeräten, Wellness-Rezepturen, Flugreisen, Tiefseehäfen – weg von all dem Wohlstandsschrott, der nur unser Leben verstopft. So sparen wir Zeit, Geld, Raum und ökologische Ressourcen. Außerdem geht es darum, unabhängiger von geldbasierter Fremdversorgung zu werden. Eigenarbeit ist angesagt! Wer durch handwerkliche und manuelle Versorgungsleistungen ohne Geld produktiv ist, und zwar sowohl für sich selbst als auch für das nahe soziale Umfeld, schlägt drei Fliegen mit einer Klappe: Erstens ist es der beste Selbstschutz gegenüber zukünftigen Ressourcenknappheiten, die das aktuelle Wohlstandsmodell unbezahlbar machen. Zweitens schützen wir die Umwelt, und drittens mildern wir strukturell Wachstumszwänge, die einem geldbasierten, arbeitsteiligen Industriemodell innewohnen.
Übertrieben gesprochen, hört sich das nach einem zwangsverordneten Hartz-IV-Programm an.
Paech: Die Dramatik der Abhängigkeit von Geldeinkommen besteht doch zu einem großen Teil darin, dass moderne Konsumgesellschaften jede Kultur der Selbstversorgung zerstört haben. Wir sind so vornehm geworden, dass alles, was sich außerhalb der Konsumlogik befindet, als Armut und Zumutung empfunden wird.
Das sehen Betroffene, die spätestens in der zweiten Monatshälfte nicht mehr wissen, womit sie ihre Lebensmittel bezahlen sollen, wohl etwas differenzierter. Viele Menschen sehen darin einen Rückschritt.
Paech: Ich sehe es als Fortschritt, wenn wir uns von der sklavischen Abhängigkeit des Kaufens von Produkten befreien, die ohnehin bald wieder kaputtgehen. Wir müssen uns von einem Teil des Konsum- und Mobilitätsballastes befreien. Wer dem Hamsterrad der käuflichen Selbstinszenierung entkommt, wird unabhängig von Konzernen und steigert sein Selbstwertgefühl. Soziale Kontakte im Zuge der Gemeinschaftsnutzung und des Tausches ersetzen einen Teil der Produktion und erhöhen die Lebenszufriedenheit.
Was sagen Sie den Menschen, die große Angst davor haben, ihren mühsam erarbeiteten Lebensstandard einzubüßen?
Paech: Diese Menschen würde ich fragen, wie ich mich über den Verzicht von etwas beklagen kann, was mir nie gehört hat. Vieles, was wir materiell genießen, ist das Resultat dreister Aneignung. Bedruckte Papierscheine oder technologische Vorgänge, die wir heute als Arbeit oder deren Gegenwert ausgeben, sind etwas anderes als materielle Ressourcen. Aber damit plündern wir die Umwelt und die Ressourcen.
Muss die Postwachstumsökonomie notfalls erzwungen werden oder setzen Sie auf ein freiwilliges Umdenken?
Paech: Veränderungen müssten von jener Minderheit ausgehen, die vollkommen freiwillig schon jetzt zukunftsbeständige Versorgungsmuster und Daseinsformen einübt. Ich denke nur an städtisches Gärtnern, Repair-Cafés, das Teilen von Konsumgütern oder lokale Tauschkreisläufe. Den Rest erledigen höhere Preise für Ressourcen und andere exogene Faktoren, die unsere Kaufkraft und Mobilität langsam aushöhlen werden. Dass sich im freiheitsverwöhnten Europa ein politischer Akteur trauen könnte, die Wählermehrheit zu etwas zwingen zu wollen, ist so wahrscheinlich wie die Existenz des Osterhasen.
Wie machen Sie einem modernen Konsumbürger Ihre Konsumkritik schmackhaft?
Paech: Derzeit verzetteln wir uns in einer reizüberfluteten Konsumsphäre, die unsere knappste Ressource aufzehrt, nämlich Zeit und Aufmerksamkeit. Durch den Abwurf von Wohlstandsballast können wir uns auf das Wesentliche konzentrieren, statt im Hamsterrad der käuflichen Selbstverwirklichung zusehends Schwindelanfälle zu bekommen. Wenige Dinge intensiver zu nutzen und zu diesem Zweck bestimmte Dinge einfach souverän zu ignorieren bedeutet weniger Stress und mehr Glück.
