Starres Rentenalter abschaffen?
Martin Hagenmaier: »Ja! Wer will, soll länger arbeiten«
»Der vorgeschriebene »Ruhestand« bei Erreichen des Rentenalters gehört abgeschafft. Er ist ein unangemessener Eingriff in das individuelle Leben und völlig unsinnig. Nur weil ich das Rentenalter erreicht habe, ist es mir als evangelischem Pfarrer jetzt verboten, meinen Beruf unter normalen Bedingungen auszuüben. Selbstverständlich darf ich weiter predigen und Gottesdienst halten. Ich kann auch Seelsorge betreiben. Aber nicht mehr zu Erwerbszwecken.
Das Argument, im Alter sei man den Anforderungen des Berufs nicht mehr gewachsen, greift nicht. Als Pastor gewinnt man die richtige Berufsreife ja erst mit sechzig! Alle anderen Jahre sind Zeiten der Vorübungen. Der Ruhestand soll denen nutzen, die wirklich nicht mehr können. Doch niemand sollte gezwungen werden, zu einem bestimmten Stichtag in Rente zu gehen. Warum sollten Dachdecker und Bauarbeiter den vielen Dienstleistungsberufen und gar noch Lehrern, Juristen oder Pfarrern gleichgesetzt werden müssen? Leute, beginnt euch gegen die Zwangsdeaktivierung im Alter zu wehren!
Sie ist zu einem realitätsblinden und unangemessenen Mechanismus der Ausgliederung verkommen, mit dem sich die Gesellschaft selbst schadet. Wie soll es einer kleiner werdenden arbeitenden Generation künftig gelingen, ihre einstigen Kollegen, die nicht mehr arbeiten dürfen, 25 bis 30 Jahre auf einem Einkommensniveau zu halten, das sie selbst vielleicht nie erreichen wird? Ganze Landeshaushalte drohen von der Pensionslast erdrückt zu werden. Und das Argument, die Alten müssten den Jungen Platz machen, zieht nicht: Schließlich jammert alles über den Fachkräftemangel.«
Michael Schrom: »Nein! Auch Jüngere brauchen Chancen«
»Auf den ersten Blick kann niemand verstehen, warum ein bekannter Professor, ein beliebter Arzt, ein erfahrener Seelsorger nach dem Erreichen einer Altersgrenze aus der Erwerbsarbeit ausscheiden muss. Vor allem, wenn er oder sie gesund und motiviert ist, weiterzuarbeiten.
Dennoch gibt es gute Gründe für eine kollektive Altersgrenze im Berufsleben. Der wichtigste besteht darin, dass auch die nachfolgende Generation die Möglichkeit haben sollte, ihre eigenen Schwerpunkte zu setzen und prägend zu wirken. Dazu müssen sie Führungspositionen übernehmen. Das gilt auch für Pfarrer. Ein junger Seelsorger spricht nun einmal eher junge Menschen an und teilt ihr Lebensgefühl, auch wenn er möglicherweise (noch) nicht die volle Berufsreife hat. Wenn auf der Kanzel oder am Altar dagegen fast ausschließlich ältere Menschen stehen, vermittelt sich dadurch der Eindruck, dass in der Kirche Senioren das Sagen haben. Das ist ein falsches Signal. Katholiken leiden ohnehin darunter, dass Bischöfe in der Regel in einem Alter ins Amt kommen, in dem andere den Zenit ihres Berufslebens schon überschritten haben.
Die kollektive Altersgrenze war eine soziale Errungenschaft, die erkämpft werden musste. Dass sie heute von vielen Rentnern und Pensionären nicht wertgeschätzt wird, liegt meines Erachtens an der durchkapitalisierten Geisteshaltung in einer Gesellschaft, in der jeder, der nicht im Erwerbsleben steht, nichts gilt. Dieses Schicksal teilen die Rentner mit den nicht berufstätigen Müttern, den Arbeitslosen und allen, die eine Auszeit nehmen. Darüber müssen wir reden. Ich kann nicht ausschließen, dass ich in zwanzig Jahren anders darüber denke. Aber diese Fixiertheit auf Erwerbsarbeit ist mir verdächtig.«
Michael Schrom, geboren 1968, ist Ressortleiter »Kirche und Religionen« bei Publik-Forum. Der Theologe und Journalist hat noch gut zwanzig Arbeitsjahre bis zum Rentenalter vor sich.
