Sprachkurs für die CSU
Spott, wem Spott gebührt: Zu Recht hat die CSU für ihren Vorstoß, Ausländer müssten zuhause deutsch sprechen, in den Medien und den sozialen Netzwerken Hohn und Häme geerntet. So vernichtend war die Kritik, dass der realitätsferne Leitantrag flugs abgeschwächt wurde. Statt mit der Peitsche zu drohen, setzt die CSU jetzt auf Zuckerbrot: »Wer dauerhaft hier leben will, soll motiviert werden, im täglichen Leben deutsch zu sprechen.« Alles gut also – und Schwamm drüber?
Nein. Denn der Samen solch dummer Sprüche bringt nicht nur Spott hervor, sondern fällt anderswo durchaus auf fruchtbaren Boden. Stichprobe: In einer Umfrage auf T-online hielten zwar 57 Prozent die Forderung für weltfremd, 42 Prozent gingen jedoch mit der CSU konform.
Was sagt uns das? Übereinstimmend mit etlichen Volksvertretern – ähnliche Vorstöße gibt es ja in schöner Regelmäßigkeit – halten große Teile der Bevölkerung nach wie vor das Fähnchen der »deutschen Leitkultur« (Unwort des Jahres 2000) hoch. Dementsprechend betrachten sie Zugewanderte als Zumutung: »Die« integrieren sich nicht, ihre Kinder sind schlecht in der Schule (und behindern die deutschen Kinder beim Lernen), sie sprechen nicht anständig Deutsch, wahrscheinlich sind sie ungebildet und faul; zu uns passen sie jedenfalls mehrheitlich nicht. In diese Kerbe haut die CSU genüsslich und vertieft sie weiter.
Zweisprachigkeit ist ein Vorteil. Hat die CSU noch nicht gemerkt
Unstrittig ist – und man sollte meinen: unnötig zu wiederholen –, dass man Deutsch können muss, wenn man in Deutschland erfolgreich sein will. Unbestritten ist aber auch – und das hat sich offenbar nicht genug herumgesprochen: Es ist kein Defizit, als erste Sprache Türkisch, Rumänisch oder Arabisch zu sprechen, im Gegenteil: Zweisprachig aufzuwachsen ist von unschätzbarem Wert in unserer globalisierten Welt. Wissenschaftliche Studien belegen zudem, dass Kinder die Zweitsprache (und weitere Fremdsprachen) umso leichter lernen, je besser sie ihre Muttersprache beherrschen. Wenn die kleine Paula aus dem Kindergarten mit der Erkenntnis heimkommt, dass sie eines der wenigen Kinder ist, die »nur Deutsch sprechen«, dann hat sie verstanden: Die anderen, die mit den ausländischen Eltern, haben ihr etwas voraus; Paula kann von ihnen lernen.
Wir sollten gewährleisten, dass alle (!) Kinder in Deutschland möglichst mehrere Sprachen lernen. Also: intensive Deutschförderung für Migrantenkinder von klein auf, aber auch muttersprachlicher Unterricht; guter Fremdsprachenunterricht für alle, gerne auch Türkisch oder Italienisch als Wahlfach in der weiterführenden Schule. Wenn nebenbei Kenntnisse über andere Länder, Kulturen und Gebräuche vermittelt werden, kann Integration in beide Richtungen gelingen und Zuwanderung zum Gewinn für alle werden.
Die CSU und ihre Anhänger haben das noch immer nicht verstanden. Anstatt hirnlos mehr oder weniger sinnvolle »Integrationsleistungen« von Migranten einzufordern, sollten sie lieber zusehen, dass sie selbst im modernen Deutschland ankommen. Dafür reicht es nicht aus, auf der Wies’n zu Lederhose oder Dirndl das neueste Tablet zur Schau zu tragen.
