Picknick am EZB-Zaun
Vor dem Zaun liegen weiße Helme und Zollstöcke bereit. Dazu Karten vom Ostend, auf denen die Baustelle der EZB eingezeichnet ist. Die lokale Blockupy-Gruppe »NoTroika« will heute die EZB symbolisch vermessen. Anna Dietz, eine der Organisatorinnen der Zaunspaziergänge, ermuntert die etwa 30 Interessierten dazu, sich einen Helm zu nehmen, eine Karte und in kleinen Gruppen loszuziehen. Auch mich. »Wir wollen uns die Baustelle einmal anschauen«, erklärt sie. Die Idee für die Spaziergänge stammt von den Flughafenausbaugegnern, die sich in den achtziger Jahren am Bauzaun der Startbahn West trafen.
»NoTroika« hat unweit des Mainufers einen Tisch aufgebaut, Flyer, Kaffee und Kuchen stehen dort bereit. Als die kleinen Vermessungstrupps losziehen, wird es leer am Stand. Radfahrer fahren vorbei und schauen neugierig, was hier geboten wird. Polizisten beobachten die Aktivisten. Sie haben heute einen ruhigen Nachmittag. Es ist schönes Wetter und viel Betrieb am Main.
Das gibt mir Gelegenheit, von außen einen Blick auf das Baugelände zu werfen, auch auf ein flaches Gebäude, das neben der neuen EZB steht. Die frühere Frankfurter Großmarkthalle war einmal ein wuchtiges Haus, als sie noch für sich stand. 220 Meter lang und fast 24 Meter hoch ist es. In die 1928 erbaute Halle trieben Nationalsozialisten die Frankfurter jüdischen Bürger, bevor sie in Ghettos und Lager im Osten transportiert wurden. Nach dem Krieg wurde dort wieder mit Gemüse und Obst gehandelt, bis zum Jahr 2004. Dann wurde das Gebäude an die Europäische Zentralbank verkauft, die auf dem Gelände ihr Hochhaus baut. Das wächst neben der Halle 185 Meter in die Höhe.
»Das ist Herrschaftsarchitektur«
Das neue EZB-Gebäude überragt inzwischen alles andere in diesem Teil der Stadt, die Großmarkthalle wirkt nun klein, als ducke sie sich zu Boden. Die übrigen Hochhäuser der Skyline sind weit weg, das neue EZB-Gebäude ist wiederum von fast jedem Punkt der Stadt aus zu sehen. »Das ist Herrschaftsarchitektur«, sagt Mira Lauth, Sprecherin der lokalen Blockupy-Gruppe »NoTroika«. Sie steht mit einem weißen Helm am Bauzaun und blickt auf den blau schimmernden Koloss vor uns.
Für die Aktivisten spiegelt das riesige Bürogebäude, das im November bezogen werden soll, die Politik der EZB wider. Zusammen mit der EU-Kommission und dem Internationalen Währungsfonds verantworte die Bank die Politik, die die südlichen Länder und besonders Griechenland zu drastischen Sparmaßnahmen zwinge und viele Menschen ins Elend stürze. Die EZB sei Teil der »Entscheidungsstruktur« sagt Mira Lauth.
Es ist bereits der siebte Spaziergang, den »NoTroika« organisiert. In den vergangenen Monaten haben die Aktivisten schon mal die EZB symbolisch »geschlossen«, Mülltüten über die Überwachungskameras gestülpt oder Kleider an den Zaun gehängt, als Erinnerung an die Situation in den spanischen Exklaven Melilla und Ceuta, wo Zäune afrikanische Flüchtlinge daran hindern sollen, europäischen Boden zu erreichen.
Denn der Protest am EZB-Zaun richtet sich außer gegen die EZB auch gegen die Politik der EU-Staaten, die beim Thema Asyl auf Abschottung setzen. Oder die wie Deutschland Waffen an Länder verkaufen, die dafür eigentlich kein Geld haben, wie Griechenland. Diesen Themen waren eigene Zaunspaziergänge gewidmet. Und immer wieder geht es um die Armut in Europa.
Mitorganisatorin Anna Dietz sagt, es sei wichtig zu thematisieren, dass das prekäre Leben nicht ein »individuelles Problem« sei, sondern dass es Ursachen habe. Und es sei gut ein »Zeichen zu senden, dass wir mit dieser Politik nicht einverstanden sind«.
Kritik an der EZB-Politik
Zumindest ein kleines. Zwischen 30 und 150 Menschen schließen sich den monatlichen Zaunspaziergängen an. Warum? Den Ostend-Bewohner Dieter Bahndorf etwa bringt heute der Ärger über die »Verarmung der Menschen in Südeuropa« an den Zaun. Auch ein 50-jähriger Mann, der eigens aus Heidelberg angereist ist, findet es »ungeheuerlich, was dort passiert«. Die »Kosten der Finanzkrise werden auf die kleinen Leute im Süden abgewälzt«. Er beschäftigt sich auch mit der Haltung der Kirchen dazu und hat ihr in diesem Jahr veröffentlichtes gemeinsames Sozialwort gelesen: »Ich würde mir wünschen, dass mehr Christen dagegen aufstehen.« Auch gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP zwischen den USA und der EU. Er befürchtet, dass die Bürger in der wirtschaftsdominierten Demokratie nichts mehr zu sagen haben.
Aber es geht nicht nur um globale Themen. Der Blick in die Nachbarschaft der EZB zeigt, wie die baldige Ankunft der Bankmitarbeiter den Stadtteil schon seit Jahren verändert. Gentrifizierung ist das Stichwort, die Umwandlung eines alten Industriequartiers in einen chicken Stadtteil ist im vollen Gange. Achtgeschossige hochpreisige Wohnhäuser sind direkt am Mainufer entstanden. Durch die Presse ging der Protest von Mietern eines Hauses, dessen Besitzer eine Luxussanierung plant, und die sich nicht vertreiben lassen wollen.
»Arme werden bewusst rausgedrängt«, sagt Lauth, die sich auch im Netzwerk »Wem gehört die Stadt« engagiert. Die Wohnungsmieten im Ostend steigen. Kaltmieten von 13 bis 17 Euro sind nicht selten. Kleine Läden schließen, stattdessen öffnen edle Cafés. Eines entstand direkt am Main, wo die Stadt der EZB einen grünen Teppich ausrollt. Das Ufer wurde neu gestaltet, ein Park entsteht. Das neue, gut besuchte Restaurant am Fluss bietet auf der Sonn- und Feiertagskarte Hauptgerichte ab zwölf Euro aufwärts.
Blockupy-Festival im November
Diese Veränderung der Stadt nimmt »NoTroika« aufs Korn. Die Zaunspaziergänge dienen aber auch dazu, die Zeit zwischen den großen Blockupy-Demonstrationen und anderen Aktionen zu überbrücken. Die nächste ist das »Frankfurter Blockupy Festival« »#talk #dance #akt« vom 20. bis zum 23. November. In Workshops und Podien geht es um die Frage, »was wir tun müssen und wollen, um Alternativen zu entwickeln«. Es soll ein Kulturprogramm geben. Gemeinsam werden die Teilnehmer außerdem »Orte aufsuchen, die für die Verarmungspolitik« stehen. Und die große Demonstration zur Eröffnung der EZB Anfang 2015 vorbereiten. Der Termin dafür steht noch nicht fest.
Nach zwei Stunden ist der »Spaziergang« zu Ende. Vermessen wurde – nichts. Jedenfalls wurden keine Daten gesammelt. Doch es ging ja auch mehr um Eindrücke. Wie lang der Weg – einmal um die EZB – ist, will ich am Ende aber doch noch wissen. Mein Tacho verrät es mir: 1,7 Kilometer.
