Hohe Benzinpreise: Ende eines Traums
Steigende Benzinpreise sorgen in Deutschland regelmäßig für Aufregung. Beschäftigte beklagen hohe Fahrtkosten zur Arbeit, Unternehmen ärgern sich über steigende Transportpreise, Politiker übertreffen sich mit populistischen Forderungen nach geringeren Verbrauchssteuern und einer höheren Pendlerpauschale. Medien schimpfen auf Großkonzerne und Spekulanten. Klar: Aus Sicht derer, die höhere Benzinpreise kaum bezahlen können, ist die Aufregung verständlich. Aber sie ist auch das Spiegelbild des Versagens der deutschen Politik und Gesellschaft, sich auf das Ende einer Welt mit billigem Öl einzustellen.
Energierohstoffe werden knapper und teurer
Natürlich ist es ärgerlich, wenn die Mineralölkonzerne und die Spekulanten die Situation ausnutzen und die Spritpreise in die Höhe treiben, besonders gerne vor Ostern und bald wieder vor den Sommerferien. Doch das eigentliche Problem liegt viel tiefer: Seit einem Jahrzehnt setzen auch einwohnerstarke Schwellenländer wie China, Indien, Brasilien oder Indonesien auf jene energieintensive Form der Industrialisierung, die die Industrieländer seit Jahrzehnten vorleben. Die Schwellenländer wollen, dass ihre Menschen genauso leben, genauso viel Autofahren wie die Menschen im Norden der Welt. Deshalb brauchen sie immer größere Mengen von Energierohstoffen, auch und vor allem jene, deren Reserven nicht beliebig vermehrbar sind. Als Folge werden die endlichen Energierohstoffe knapper und teuer.
Die Industrieländer könnten gegensteuern, indem sie ihren Ölverbrauch drastisch zurückfahren. Doch Politiker, Unternehmen und Verbraucher träumen weiterhin vom billigen Öl. Gerade die deutsche Verkehrspolitik setzt unverdrossen auf das Auto. Seit Jahren wird über die Verlagerung des Verkehrs auf die vergleichsweise nachhaltige Bahn und über sparsame Autos geredet, doch es geschieht nur wenig. Der Anteil der Bahn am Güterverkehr dümpelt seit Jahren bei 16 bis 17 Prozent herum.
Zwanzig mal so viele Geländewagen wie Hybridautos zugelassen
Die Politik investiert lieber in Autobahnen und Umgehungsstraßen. Die Investitionen im Schienenverkehr konzentrieren sich auf wenige Schnellbahnstrecken, in der Fläche wird der Bahnverkehr oft ausgedünnt. Längst könnte die Europäische Union von den Herstellern Autos mit einem Durchschnittsverbrauch von 2,5 Litern auf 100 Kilometern erzwingen, doch sie traut sich nicht. Da hat es schon fast Symbolkraft, dass die Chefs der Deutschen Bahn seit Jahrzehnten entweder aus dem Flugverkehr oder aus der Automobilbranche kommen.
Den Traum vom billigen Öl träumt allerdings auch die Mehrheit der Verbraucher. Noch immer scheint der Spritverbrauch beim Autokauf eine geringe Rolle zu spielen. Warum sonst wurden im vergangenen Jahr zwanzigmal so viele edle Geländewagen zugelassen wie sparsame Hybridautos. Noch immer reicht die Hälfte aller Autofahrten gerade mal fünf Kilometer weit, ein Viertel sogar nur bis zu drei Kilometern. Zudem wird ein großer Teil des Sparpotenzials moderner Autos durch mehr gefahrene Kilometer und eine Fülle von Elektronik ausgeglichen, die zusätzliche Energie frisst.
Investitionen in Bahnen und Radwege als Alternative
Auf diese Entwicklung mit einer höheren Pendlerpauschale zu reagieren, die vor allem Gutverdienern nützt, würde das Versagen von Politik und Gesellschaft in der Verkehrspolitik nur verlängern. Wenn eine Pendlerpauschale überhaupt sinnvoll ist, dann nur eine, die gezielt Geringverdiener entlastet, die sich gegen hohe Spritpreise kaum wehren können. Die wirkliche Alternative liegt jedoch in einer Politik, die viel mehr in die Bahn, in Busse, in Fuß- und Radwege investiert als in Straßen und Flughäfen. Und in einer Politik, die den Mut hat, bei den Autoherstellern geringere Verbrauchswerte und einen wachsenden Anteil von Elektromobilen durchzusetzen, auch wenn der Widerstand noch so groß ist. Dann haben die Menschen die Chance, mit weniger Sprit dorthin zu gelangen, wo sie hin wollen oder hin müssen. Und dann lohnt sich auch die Aufregung über steigende Spritpreise nicht mehr.
