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Die private Energiewende

Rund 700 000 Bürger sind Kunden bei einem Ökostromanbieter. Tendenz steigend. Doch woher kommt der grüne Strom?
von Barbara Tambour vom 08.05.2011
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Manch einer fragt sich: Woher kommt der grüne Strom?
Manch einer fragt sich: Woher kommt der grüne Strom?

Seit der Atomkatastrophe in Japan ist die Nachfrage nach grünem Strom in Deutschland sprunghaft gestiegen. Immer mehr Verbraucher vollziehen ihren persönlichen Ausstieg aus der Atomkraft. Sie wechseln zu einem Ökostromanbieter.

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Aber kann so viel grüner Strom überhaupt geliefert werden? Nachfragen bei den vier großen und von den deutschen Umweltverbänden empfohlenen Ökostromanbietern Greenpeace Energy, Naturstrom, Lichtblick und Elektrizitätswerke Schönau (EWS) ergeben: Kein Problem. »Seit dem Jahr 2007 haben wir unsere Kundenzahl fast jedes Jahr verdoppelt«, sagt der Sprecher von Naturstrom, Tim Loppe. Bei Greenpeace Energy sind nach den Worten von Sprecher Martin Schaefer 10 000 neue Kunden pro Monat gut zu verkraften.

Doch wo kommt der Ökostrom her? Der größte Teil des Stroms, der über EWS, Greenpeace Energy und Lichtblick bezogen wird, stammt gar nicht aus Deutschland. Die EWS beziehen ihren Strom aus Wasserkraftwerken in Norwegen. »Wir arbeiten nur mit Kraftwerken zusammen, die keine Verflechtungen mit der Atom- und Kohleindustrie haben, und legen Wert darauf, dass mehr als zwei Drittel Neuanlagen sind. Die gibt es anderswo als in Norwegen kaum«, sagt Sebastian Sladek, Geschäftsführer der EWS. Die Lichtblick AG, mit mehr als 500 000 Kunden der größte der vier Ökostromanbieter, bezieht ihren Strom sowohl aus Österreich wie aus Norwegen. »Für den Beitrag zum Klimaschutz ist es egal, ob der Strom in Deutschland, in Österreich oder in Norwegen produziert wird«, erläutert Sprecher Ralph Kampwirth. Greenpeace Energy kauft Strom zu 98 Prozent von österreichischen Wasserkraftwerken ein.

Wenn unser Ökostrom aus Norwegen und Österreich stammt, wohin geht dann der Strom, der von Windrädern, Fotovoltaik- und Biogasanlagen in Deutschland produziert wird? Der allergrößte Teil wird in das Stromnetz eingespeist. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) regelt dies und garantiert, dass Anlagebetreiber 15 bis 20 Jahre lang eine festgelegte Vergütung für ihren erzeugten Strom erhalten. Netzbetreiber sind zur vorrangigen Abnahme dieses Stroms verpflichtet. 17 Prozent des in Deutschland produzierten Stroms stammen inzwischen aus erneuerbaren Energien. Für Windparkbetreiber und Hausbesitzer mit Fotovoltaikanlage auf dem Dach ist es wesentlich attraktiver, den Strom ins Stromnetz einzuspeisen, als ihn direkt auf dem Markt – etwa an Ökostromanbieter – zu verkaufen. Zumindest war dies bislang so. Derzeit ändert sich die Marktsituation durch die aktuell hohe Umlage, die alle Stromproduzenten und -kunden zur Förderung der erneuerbaren Energien zahlen müssen.

Das Grünstromprivileg

Die Naturstrom GmbH aus Düsseldorf will sich von der EEG-Umlage unabhängig machen und bietet ausschließlich grünen Strom aus Deutschland an. Möglich ist dies durch das sogenannte Grünstromprivileg. Es besagt, dass Stromlieferanten, deren Strom zu mindestens fünfzig Prozent »grün« erzeugt wurde, keine EEG-Umlage abführen müssen. Naturstrom kauft also vergleichsweise teuren Windstrom, der auch nach EEG eingespeist werden könnte. Da die Umlage wegfällt, nähert sich der Preis je Kilowattstunde dem des sonst günstigeren Stroms aus norwegischer oder österreichischer Wasserkraft. »Wir wollen die Dezentralität und Regionalität in der Stromerzeugung fördern«, äußert Naturstrom-Sprecher Tim Loppe. Damit stärke man vor allem den ländlichen Raum: Die Ökoenergiebranche sei mittelständisch geprägt, die Wertschöpfung bleibe in der Region.

Warum empfehlen die Umweltverbände lediglich die genannten vier Ökostromanbieter? Warum nicht »Grünen Strom« von Tchibo, der ebenfalls in norwegischen Wasserkraftwerken produziert wird? Oder Entega Ökostrom, ausgezeichnet mit dem ok-Power-Siegel von Energievision? »Wir empfehlen nur Anbieter, die völlig unabhängig von Atom- und Kohlestromkonzernen sind«, erklärt Florian Noto vom Bündnis »Atomausstieg selber machen«, das von 22 deutschen Umweltverbänden getragen wird. »Und nur solche, die aktiv die Energiewende betreiben, also nicht nur Strom verkaufen, sondern auch politisch etwas bewegen wollen.« Entega ist laut Noto mit E.On verflochten, Tchibo möchte politisch nichts bewegen.

Dass Grün gut ankommt, haben auch die vier Energieriesen erkannt: EnBW, E.On, RWE und Vattenfall haben längst ebenfalls Ökostromableger gegründet. Sie heißen eprimo, Lekker Energie, e wie einfach, Naturenergie und Yello Strom.

Strom und Wärme durch Windgas

Wer zu Naturstrom, Lichtblick, EWS oder Greenpeace Energy wechselt kann zudem sicher sein, dass er keinen mittels RECS-Zertifikaten grüngewaschenen Atomstrom erhält. Die frei handelbaren Zertifikate bescheinigen, dass irgendwo in Europa eine bestimmte Menge Ökostrom produziert wurde, und erlauben ihren Käufern, den eigenen Strom – egal ob aus Kohle oder Atom – als Ökostrom umzudeklarieren. Jeder der vier genannten Anbieter trägt hingegen aktiv zur Energiewende bei. Greenpeace Energy betreibt beispielsweise eigene Kraftwerke: drei Fotovoltaikanlagen und sieben Windparks in Deutschland, einen Windpark in Österreich. Mit dem Angebot »proWindgas« startet Greenpeace Energy derzeit ein neues Projekt zur Speicherung von Strom aus Windenergie: Wenn Windräder mehr Strom erzeugen, als ins Stromnetz aufgenommen werden kann, soll mit dem überschüssigen Strom im Elektrolyse-Verfahren Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten werden. Der Wasserstoff kann dann bis zu einem gewissen Prozentsatz unbedenklich ins Gasnetz eingespeist werden. In Kraft-Wärme-gekoppelten Anlagen wird dieses Gas dann wieder in Strom und in Wärme verwandelt.

In genau solche Kleinkraftwerke in Zwei- und Mehrfamilienhäusern investiert derzeit die Lichtblick AG. Die ersten fünfzig von angestrebten 100 000 »Zuhausekraftwerken« sind installiert. Die Mini-Gaskraftwerke werden miteinander vernetzt und bilden dann ein großes virtuelles Kraftwerk. »Sie liefern auch Strom, wenn wenig Wind weht und keine Sonne scheint, sind flexibel regelbar und können mit ihrer Leistung zwei Atomkraftwerke ersetzen«, erläutert Lichtblick-Sprecher Ralph Kampwirth. Ein weiterer Vorteil: Da die von Volkswagen produzierten Kraftwerke in Kellern installiert werden, stören sie nicht die Landschaft. Zwar werden sie mit Erdgas betrieben, doch sie sind hocheffizient: Laut Lichtblick erreichen sie einen Wirkungsgrad von 90 Prozent – im Vergleich zu den 35 Prozent eines Kohlekraftwerks.

EWS baut keine eigenen Kraftwerke, sondern fördert den Bau neuer Anlagen mit mehr als einer Million Euro im Jahr. Ähnlich ist es bei der Naturstrom GmbH. Sie berät zudem Bürger, die eine Wind- oder Solaranlage errichten wollen.

Knapp 700 000 Kunden haben die vier empfohlenen Ökostromanbieter zusammen. Für eine wirkliche Energiewende in den 40 Millionen deutschen Privathaushalten sind das immer noch zu wenige.n

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