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Die Maut kommt, der Schildbürger regiert

Die beschlossene Pkw-Maut zeigt, warum die Politikverdrossenheit in Deutschland ständig wächst
von Wolfgang Kessler vom 08.04.2015 Vorgelesen von einer künstlichen Stimme.
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Die PKW-Maut kommt, das Hirn geht: Der Turnierreiter Dobrindt hat die Gebührenfrage für Deutschlands Autobahnen zur persönlichen Sache gemacht. Doch mit dem zu erwartenden Maut-Einnahmen füttert er am Ende vor allem die Bürokratie. (Zeichnung: Mester)
Die PKW-Maut kommt, das Hirn geht: Der Turnierreiter Dobrindt hat die Gebührenfrage für Deutschlands Autobahnen zur persönlichen Sache gemacht. Doch mit dem zu erwartenden Maut-Einnahmen füttert er am Ende vor allem die Bürokratie. (Zeichnung: Mester)

Gesetze, an deren Sinn man zweifeln kann, hat der Deutsche Bundestag schon öfters verabschiedet. Doch die Pkw-Maut ist ein besonderer Schildbürgerstreich. Sie ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich die Ansprache dumpfer Emotionen und ein fast irrwitziger Kompromisszwang in einer Großen Koalition zu einem unsinnigen Gesetz verbinden, das ein Land mit Bürokratie und Überwachungstechnik überzieht, ohne wahrscheinlich je die selbst gesetzten Ziele zu erfüllen.

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Dabei gibt es durchaus Argumente für eine Pkw-Maut. Viele Straßen und Brücken sind marode. Seit Jahren fordern Fachleute deshalb mehrere Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr für Investitionen in die Instandhaltung von Straßen. Und es gibt Länder wie Frankreich oder Italien, die ihre Straßen mithilfe von Maut-Gebühren instand halten. Alle Auto- und Lkw-Fahrer werden zur Kasse gebeten. Wer längere Strecken zurücklegt, zahlt mehr. Das enthält einen Anreiz, auf andere Verkehrsmittel umzusteigen.

Doch darum ging es Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt nie. Er wollte und will nur die ausländischen Autofahrer zur Kasse bitten, die unsere Straße nutzen, aber nur dann bezahlen, wenn sie tanken. Damit mobilisierte er fremdenfeindliche Stimmungen für eine Ausländermaut.

Da die Diskriminierung von Ausländern dem europäischen Recht widerspricht, musste Dobrindt die Ausländermaut so konstruieren, dass sie nicht als Ausländermaut erkennbar ist. Deshalb nennt er sie nun »Infrastrukturabgabe« und baut ein bürokratisches Monstrum auf, um diese rechtskonform abzuwickeln.

Ab 2016 werden eine Mautbehörde und ein privates Betreiberunternehmen alle Kennzeichen von Pkws auf den Straßen einscannen und dann Gebühren erheben – Datenschutz hin, Datenschutz her. Die Gebühren werden noch nach Hubraum und Schadstoffausstoß gestaffelt. Anschließend behält der Fiskus die Gebühren der Ausländer ein, während sie bei deutschen Autofahrern mit der Kraftfahrzeugsteuer verrechnet werden sollen.

Selbst Dobrindt weiß: Die neue Bürokratie wird so viel Geld verschlingen, dass von den erwarteten Einnahmen von 700 Millionen Euro pro Jahr nur 400 Millionen, maximal 500 Millionen, übrig bleiben werden. Im internen Kreis soll Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sogar die Befürchtung geäußert haben, die Sache werde zum Nullsummenspiel.

Obwohl dieses bürokratische Monstrum so wenig bringen wird, haben rund achtzig Prozent aller Abgeordneten des Deutschen Bundestages – nämlich die von CDU, CSU und SPD – diesem Unsinn zugestimmt. Viele SPD-Abgeordnete haben die Kröte ausschließlich geschluckt, weil sie nur so die CSU zur Zustimmung für den Mindestlohn und die Rente mit 63 motivieren konnten. Was beweist, dass vor allem in einer Großen Koalition mit einer kleinen Opposition auch Schwachsinniges zum Gesetz wird, wenn es als bedingungsloses Faustpfand eines Koalitionspartners in die Verhandlungen eingebracht wird.

Dabei könnte in der Verkehrspolitik alles so einfach sein. Um die erwarteten 500 Millionen Euro aus der Maut in die Staatskasse zu spülen, hätte es genügt, die Mineralölsteuer um einen Cent zu erhöhen. Eine Erhöhung der Mineralölsteuer um fünf Cent würde sogar die von Fachleuten gewünschten zwei bis drei Milliarden einbringen. Bei den gesunkenen Spritpreisen wäre dies für die Autofahrer verkraftbar.

Diese Erhöhung wäre gerecht, weil mehr bezahlt, wer mehr fährt. Und sie würde einen Anreiz bieten, weniger zu fahren. Zudem wären auch die Ausländer beteiligt, wenn sie tanken. Der Einwand, die ausländischen Autofahrer aus dem Grenzgebiet würden dann in Deutschland einfach nicht an die Tankstelle fahren, ist hinfällig. Denn diese Autofahrer benutzen in Grenzgebieten auch keine Autobahnen – und dann zahlen sie auch die Pkw-Maut nicht.

Verkehrspolitisch könnte also alles ganz einfach sein. Aber eben nur, wenn nicht Schildbürger regieren, die mit einer Pkw-Maut eher Stimmung machen wollen als Straßen reparieren. Und nur, wenn im Bundestag nicht Abgeordnete sitzen, die jeden Unsinn aus taktischen Gründen akzeptieren, damit sie bessere Karten haben, um ihre eigenen Forderungen durchzusetzen.

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