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Die Geier wollen ihr Fressen

Der Streit zwischen Argentinien und den Geierfonds zeigt die Macht und die Skrupellosigkeit der Schattenbanken. Und er zeigt auch, was in der globalen Politik fehlt
von Wolfgang Kessler vom 17.08.2014
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Der Hedgefonds Elliott Management ist in der Lage, Argentinien in die Insolvenz zu treiben, um selbst hohen Profit zu machen. Solchen Praktiken sollte ein Riegel vorgeschoben werden (Fotomontage; Fotos: Morlachetti/thinkstock/Getty/Hemera; Nel/thinkstock/Getty/istock; Tessier/thinkstock/Getty/istock)
Der Hedgefonds Elliott Management ist in der Lage, Argentinien in die Insolvenz zu treiben, um selbst hohen Profit zu machen. Solchen Praktiken sollte ein Riegel vorgeschoben werden (Fotomontage; Fotos: Morlachetti/thinkstock/Getty/Hemera; Nel/thinkstock/Getty/istock; Tessier/thinkstock/Getty/istock)

Paul Singer ist durchaus typisch für einen mächtigen Hedgefonds-Manager. Auf globalen Bühnen wie auf dem Weltwirtschaftsforum von Davos fordert er sonntags Gerechtigkeit für die Welt. Werktags betreibt er einen Hedgefonds namens Elliott Management und scheut sich nicht, damit ein ganzes Land wie Argentinien (und damit ein ganzes Volk) in die Insolvenz zu treiben, wenn es seinem Reichtum und dem Reichtum seiner Kapitalgeber dient.

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Banker im Schatten

Hedgefonds sind Anlagegesellschaften, die das Vermögen reicher Anleger und milliardenschwerer Institutionen verwalten. Dabei versprechen sie diesen deutlich höhere Renditen als sie an den Börsen zu erzielen sind. Diese erzielen sie zumeist mit hochriskanten, oft spekulativen und äußerst kaltblütigen Anlagestrategien – wobei sie davon profitieren, dass sie weniger Vorschriften zu beachten haben als Banken und auch kaum kontrolliert werden. Deshalb heißen sie Schattenbanken.

Die Taktik der Geier

Paul Singer gehört zu jenen, die auch auf die sogenannte Geiertaktik setzen: Sie kaufen Anleihen oder andere Wertpapiere von notleidenden Unternehmen, Institutionen oder Staaten auf, die weit unter ihrem nominalen Wert gehandelt werden. Oft genug erhalten sie 100-Dollar-Anleihen für fünf Dollar. Nach einer gewissen Zeit legen sie den Unternehmen oder Staaten die Papiere vor und verlangen den vollen Betrag. Zahlt der Schuldner nicht, klagen sie den Betrag vor Gericht ein.

Die Schulden Argentiniens

Auf diese Weise geht Singer derzeit gegen Argentinien vor. Dieses Land war durch die Politik mehrerer Militärdiktaturen im vergangenen Jahrtausend im Ausland hoch verschuldet. Nachdem das Land unter dem Präsidenten Nestor Kirchner, dem Ehemann der gegenwärtigen Präsidentin, Ende des vergangenen Jahrtausends jede Rückzahlung verweigert hatte, kam es 2005 und 2010 zu Umschuldungsvereinbarungen, an denen sich 92 Prozent der Gläubiger beteiligten. Das Ergebnis: Ein Teil der Schulden wurde gestrichen, wenn Argentinien den anderen Teil Zug um Zug begleicht. Aufgrund dieser Vereinbarung fiel der Wert argentinischer Anleihen ins Bodenlose.

Paul Singer gegen Cristina Kirchner

Paul Singer zählt zu jenen acht Prozent Gläubigern, die sich an dieser Umschuldung nicht beteiligten. Er – und andere Hedgefonds – haben nach der Umschuldung wie Geier argentinische Staatsanleihen billig aufgekauft und klagen nun vor US-amerikanischen Gerichten den vollen Wert ein. Da die Staatstitel nach US-Recht ausgestellt wurden, erhält Singer vor US-Gerichten immer Recht. Er bleibt hartnäckig, weil das Ganze für ihn und seine Kapitalgeber ein gutes Geschäft wäre – das sagt Argentinien Präsidentin Cristina Kirchner. Schließlich habe Singer 2008 nur 48,7 Millionen Dollar für die argentinischen Staatsanleihen bezahlt und solle nun nach dem Gerichtsurteil 832 Millionen Dollar erhalten.

Der Streit spitzt sich zu

Doch bisher gingen die Geier leer aus. Denn Argentinien zahlt nicht. Zwar könnte die Regierung die ausstehenden Schulden von 1,3 Milliarden Dollar an jene Gläubiger durchaus begleichen, die die Umschuldungsvereinbarungen nicht unterzeichnet haben. Doch Cristina Kirchner weiß, dass dann auch alle anderen Gläubiger den vollen Anteil der Rückzahlung wollen und das würde Argentinien weit über 100 Milliarden Dollar kosten

So spitzt sich der Streit jetzt zu: Singer will sogar argentinisches Eigentum pfänden und dafür sorgen, dass das Land nicht mehr kreditwürdig ist. Argentinien will alles dafür tun, um zumindest nicht vor Ende 2014 zu bezahlen, denn dann endet ihre Verpflichtung, allen Gläubigern die vollen Schulden zurückzuzahlen, wenn sie einige Gläubiger voll auszahlt.

Rettung durch die Chinesen

Wie geht der Streit aus? Es spricht viel dafür, dass der Geier Singer bei aller Aggressivität letztlich den Kürzeren zieht. Denn wenn es keine Einigung zwischen den Hedgefonds und Cristina Kirchner gibt, braucht Argentinien einen globalen Verlust der Kreditwürdigkeit nicht ernsthaft zu fürchten, hat doch bereits China einen großen Kredit für das Land angeboten. Es wäre dann bittere Ironie der globalisierten Wirtschaft, dass westliche Finanzkapitalisten ein verschuldetes Land an die Seite sozialistischer Diktatoren treiben.

Gesucht: Ein Insolvenzverfahren für Staaten

Der Konflikt beweist vor allem, wie mächtig Schattenbanker wie Paul Singer inzwischen sind. Hedgefonds können praktisch unkontrolliert agieren. Es wird höchste Zeit für die Staatengemeinschaft, das Treiben dieser Geier zu überwachen. es braucht eine globale Finanzaufsicht für Hedgefonds.

Doch nicht nur dies. Es wird endlich Zeit für ein geordnetes Insolvenzverfahren für hoch verschuldete Staaten – und zwar nach US-amerikanischem Muster: Der Schuldner, also der entsprechende Staat, legt alle Zahlen auf den Tisch, die Gläubiger ihre Forderungen. Unter Vermittlung eines Schiedsgerichts handeln die beiden Seiten dann Bedingungen für den Erlass eines Teils der Schulden und für die Begleichung der verbleibenden Schulden aus. Wenn eine Minderheit von Gläubigern dann nicht teilnimmt, kann sie leer ausgehen.

Gäbe es solch ein Verfahren, dann hätten nicht nur die Schuldner, sondern auch die Kapitalgeber die Verantwortung für die von ihnen gewährten Kredite. Und die Geier nichts mehr zu fressen.

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Schlagwort: Argentinien
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