Das Geschäft mit den Kulleraugen
Der Erfolg scheint dem Kinderhilfswerk Plan International recht zu geben. Spender aus Deutschland unterstützen mehr als 300000 Patenkinder in Asien, Afrika und Südamerika. Das Spendenaufkommen für Plan Deutschland lag im vergangenen Jahr bei mehr als hundert Millionen Euro (entspricht 121 Millionen Franken) - und damit um fünf Prozent höher als im Jahr zuvor. Auch in der Schweiz läuft das Spendensammeln gut: Vor fünf Jahren erst gegründet, unterstützen 2011 bereits 4200 Schweizer Paten die Ziele von Plan Schweiz mit mehr als zwei Millionen Franken.
»Adrianni könnte Ihr Patenkind sein«
Wer auf der Plan-Internetseite Interesse an einer Patenschaft signalisiert, bekommt postwendend Antwort: »Sie als Plan-Pate tragen dazu bei, die Lebensumstände von Kindern, ihren Familien und Gemeinden durch Hilfe zur Selbsthilfe dauerhaft zu verbessern. Sie können direkt erleben, wie und wo Ihre Unterstützung wirkt.« Die monatliche Spende, 28 Euro beziehungsweise 45 Franken, kommt nicht der Familie des Patenkinds direkt zugute. Vielmehr unterstützt Plan Bildungs-, Landwirtschafts- und Medizinprojekte, von denen alle im Dorf profitieren sollen. So steht es im Kleingedruckten. Im Brief ist die Ansprache dagegen eher forsch: »Arianni könnte Ihr Patenkind sein und wird Ihnen mit dem beiliegenden Foto vorgestellt. Sie ist sieben Jahre alt. Wir haben alles für Sie reserviert.« Das Foto zeigt ein Mädchen mit zwei dicken Zöpfen über den Ohren, großen braunen Augen und einem hellblauen Poloshirt. Sie lebt in der Dominikanischen Republik.
Spenden-Business gedeiht prächtig
Das Spenden-Business unter dem Motto »Öffne deine Augen für meine Welt« gedeiht sowohl in der Schweiz wie in Deutschland prächtig - mit einem Unterschied: Plan Deutschland verfügt über das DZI-Spendensiegel. Vor einem Jahr erhielt es zudem »höhere Weihen«, als es zusammen mit seinem Werbeträger, dem Fernsehjournalisten Ulrich Wickert, vom Entwicklungsministerium mit dem Walter-Scheel-Preis für Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit ausgezeichnet wurde.
Anders in der Schweiz: Die Stiftung Zewo, die Schweizerische Zertifizierungsstelle für gemeinnützige, Spenden sammelnde Organisationen, rät davon ab, Plan Schweiz zu unterstützen. Der Grund: Die Organisation bietet Einzelkinderpatenschaften an. Diese Art des Sammelns lehnt die Zewo grundsätzlich ab, »da diese Methode mit der Würde der Hilfsempfänger und Hilfsempfängerinnen nicht vereinbar ist«, wie Geschäftsleiterin Martina Ziegerer erklärt. Es solle mit den tatsächlich unterstützten Projekten geworben werden, nicht mit großen Kinderaugen.
Aus Kinderschutzgründen ist Ziegerer dagegen, Spendern einen direkten Kontakt zu den Kindern im Ausland zu ermöglichen. Zudem kritisiert sie, dass im Einzelnen nicht nachzuvollziehen ist, ob die Spenden der Paten tatsächlich im Dorf der jeweiligen Patenkinder ankommen oder nur allgemein in irgendwelchen Hilfsprojekten weltweit.
Dem widerspricht Plan: »Statt anonym in einen großen Topf zu zahlen, wissen Paten, wo und für was ihre Beiträge verwendet werden«, sagt Antje Schröder, Sprecherin von Plan Deutschland.
Daran glaubt Plan-Patin Heike Schorcht nicht mehr so recht. Im Februar besuchte sie ihr Patenkind in Nicaragua. Anders als vor zwei Jahren diesmal überraschend und ohne dass Plan davon wusste. Die 52 Jahre alte gelernte Kinderkrankenschwester aus Saalfeld in Thüringen übernahm vor knapp vier Jahren die Patenschaft für die damals vier Jahre alte Yaquenny. »Ich wollte ein Mädchen fördern, damit es Bildung erhält und aus diesen prekären Verhältnissen herauskommt«, berichtet Heike Schorcht. Aus dem jährlichen Info-Brief erfährt sie 2011: Yaquenny geht zur Schule. Dem handgeschriebenen Brief der Mutter entnimmt sie, dass die Familie hohe Ausgaben hat, weil Yaquennys ältere Schwester nach einer Operation häufig ins entfernte Krankenhaus zur Nachsorge gebracht werden muss. Heike Schorcht möchte der Familie eine Spende zukommen lassen. Die Antwort von Plan Deutschland: Das sei nicht vorgesehen.
Yaquenny besucht entgegen den Angaben von Plan keine Schule
Während Plan prüft, ob eine Ausnahme möglich ist, vergehen die Wochen. Irgendwann verliert Heike Schorcht die Geduld. Sie fliegt Anfang Februar auf eigene Faust nach Managua. Im Dorf Potrerillos erfährt sie: Yaquennys Familie wohnt schon lange nicht mehr dort, sondern auf einer Finca, eine Stunde Fußwegs entfernt. Schnell findet sich jemand, der die Deutsche dorthin begleitet. Es geht steil bergan, über ein Flussbett, durch eine Furt. Dann steht sie vor der Hütte. Im Gespräch mit der Mutter wird schnell klar: Weder die sieben Jahre alte Yaquenny noch ihre neun Jahre alte Schwester gehen zur Schule. Der Weg ist zu weit. Nach gut einer Stunde bricht Heike Schorcht wieder auf. Sie lässt genügend Geld zurück, damit die Familie die nächsten Fahrten ins Krankenhaus bezahlen kann.
Zurück in Deutschland findet Heike Schorcht einen Brief von Plan im Briefkasten. »Yaquenny besucht eine Grundschule«, steht darin. »Yaquennys Lieblingsfach ist Mathematik.«
Verbreitet Plan falsche Informationen? Oder sind die Mitarbeiter in Nicaragua unzuverlässig? Ist Yaquenny ein Einzelfall?
Die deutsche Patin ist ratlos und wütend: »Die Familie hat von mir und meinen Spenden überhaupt nichts, denn sie wohnt ja nicht in dem Dorf, in dem Latrinen gebaut und Bildungsprogramme abgehalten werden.« Sie schreibt einen Brief an Plan, in dem sie von ihrem Besuch berichtet. Das Hilfswerk antwortet unverzüglich. Doch statt sich für die falschen Informationen zu entschuldigen, wird Heike Schorcht schroff daran erinnert, dass sie mit ihrem Besuch die Regeln verletzt und die Patenfamilie möglicherweise in eine unangenehme Situation gebracht hat. Heike Schorcht ist verärgert: »Wie ich ›meine‹ Familie weiter unterstützen kann, weiß ich noch nicht. Über Plan scheint es ja leider derzeit nicht zu funktionieren.«
Projektförderung ist sinnvoller, Patenschaften bringen mehr Spenden
Hier wird deutlich, dass es bei diesem gefühlsbetonten Marketing über Patenschaften nicht um Einzel- oder Nothilfe geht. Das ist prinzipiell auch gut und ein Fortschritt gegenüber gängiger Praxis mancher Hilfswerke in den 1980er-Jahren - aber nicht mit der Erwartung der Patin zu vereinbaren. Eine Studie der Erziehungswissenschaftlerin Annette Scheunpflug von der Universität Erlangen macht das Dilemma deutlich: »Einerseits ist es entwicklungspolitisch sinnvoll, Projekte zu fördern, andererseits lassen sich mit der Werbung für Kinderpatenschaften leichter Spenden sammeln«, heißt es in der Untersuchung mit dem Titel »Die öffentliche Darstellung von Kinderpatenschaften«.
In Deutschland sind die Organisationen SOS-Kinderdorf/Hermann-Gmeiner-Fonds, die Kindernothilfe und Child Fund Deutschland auf Patenfang, World Vision und Plan auch in der Schweiz. Aufgrund der strengen Zewo-Richtlinie vermittelt SOS-Kinderdorf Schweiz seit Ende 2005 keine Einzelkinderpatenschaften mehr.
Alle diese Organisationen, die sich über Kinderpatenschaften finanzieren, betreiben laut ihrer Außendarstellung eine Entwicklungszusammenarbeit, die sich von anderen Nichtregierungsorganisationen, die gemeinwesenorientiert arbeiten, nicht wesentlich unterscheiden. Laut Scheunpflug ist der entscheidende Unterschied das Marketinginstrument im Norden. Und die Tatsache, dass die Kommunikation zwischen Spender und Patenkind personalintensiv ist und Geld kostet, das der Projektarbeit verloren geht.
Einzelpatenschaften sind kein kluges Instrument der Entwicklungszusammenarbeit«, urteilt Markus Brun, Bereichsleiter Entwicklungspolitik beim Fastenopfer, dem Hilfswerk der Katholiken in der Schweiz. Er kritisiert, dass Plan oder World Vision wenig Bewusstseinsarbeit im Norden betreiben. »Die globalen Rahmenbedingungen müssen verändert werden, das ist ein wesentliches Instrument der Entwicklungszusammenarbeit.« Er räumt aber auch ein: »Es ist nicht einfach, das den Spendern einsichtig zu machen.«
Konkurrenz der Hilfswerke
Die Emotionalisierung der Spenderwerbung macht es Hilfswerken wie Fastenopfer, Misereor oder Brot für die Welt schwieriger, »sachbezogen zu argumentieren und komplexe Fragestellungen adäquat zu transportieren, wie sie in den Nord-Süd-Beziehungen angelegt sind«, erklärt Brun. Die kirchlichen Hilfswerke befinden sich somit in einem Dilemma: Sie wollen nicht auf Kulleraugen setzen, stehen aber auf dem Spendenmarkt in Konkurrenz mit denjenigen Hilfswerken, die das hemmungslos tun.
Ende März erhielt Heike Schorcht dann noch einen freundlichen Brief, in dem Plan ihr dankt, dass sie sich so engagiert ihrer Patenschaft widme. Die Leiterin des Teams Patenbegleitung räumt ungenaues Fragen der Mitarbeiter in Nicaragua ein. Neuerliche Recherchen hätten ergeben, dass Yaquenny seit 2010 auf der Finca lebt. »Letztendlich kann dies auf Dauer nur bedeuten, dass Plan die Familie aus dem Patenschaftsprogramm entlassen muss, da sie nicht mehr in der Gemeinde wohnt, die dauerhaft an Plan-Projekten partizipiert.«
Für die engagierte Frau eine zwiespältige Antwort: Sie möchte »ihre« Familie gerne weiter unterstützen. Eine neue Patenschaft über Plan oder eine andere Organisation würde sie jetzt nicht mehr eingehen.
