Wir Sternengucker
Der kleine Junge war ein flinkes Krabbelkind. Geschickt rannte er wie ein Vierfüßler zwischen den Beinen der Erwachsenen umher. Viel schneller als alle anderen. Und dann passierte es, von einer Sekunde auf die andere: Er zog sich an einem Stuhl empor und stand aufrecht. Eine Sternstunde im Leben dieses kleinen Menschen. Vorsichtig und tastend betrat er eine neue Welt, in der er von nun an auf eigenen Füßen stehen sollte. Sein glückliches Kindergesicht werde ich nie vergessen. Das Leuchten in seinen Augen, den Glanz, den sein Körper ausstrahlte. Diese Würde, als er sich aufrichtete. Jetzt konnte er sein Haupt stolz zu den Sternen erheben, ein aufrechter Himmelsbetrachter sein.
Die Griechen und die Römer waren einst der Überzeugung, dass die Sterne Götter seien. Demnach sind wir aufrecht geschaffen, um die Sterne betrachten zu können. Aber auch christliche Theologen haben schon sehr früh gesagt: Der Mensch sollte aufstehen, um sein Haupt vor Gott erheben zu können. Gott will den aufrechten Menschen, weil in seiner Körperhaltung zum Ausdruck kommt, dass er auch innerlich aufrecht ist, aufrichtig, ehrlich und anständig.
Der aufrechte Gang ist eine lebenslange Übung
Aber wir Sterngucker sind eben auch nur Menschen. Wir bemühen uns, aufrecht durchs Leben zu gehen, und bleiben doch stets in der Gefahr, dass wir straucheln, stürzen und uns und andere verletzen. Dann bleibt uns nichts anderes übrig, als einen Neubeginn zu wagen. So tapfer und unermüdlich wie das kleine lernende Kind, das immer wieder aufsteht, weil es nicht mehr auf Händen und Füßen kriechen will. Der aufrechte Gang ist eine lebenslange Übung.
Ich bin eine begeisterte Sternguckerin. Obwohl ich immer noch nicht genau weiß, wo sich am Firmament der Kleine Bär, die Milchstraße, Pollux und all die anderen gerade befinden. Es beruhigt mich, den Himmel über mir zu wissen. Er ist wie ein schützendes Dach, ein Himmelszelt, in dem jeder Mensch auf dieser Welt seinen Platz finden darf. Ich wünsche mir, eine aufrechte Himmelsbetrachterin zu sein, eine, die den Mut hat, immer wieder aufzustehen. In diesem Sinne halte ich es mit Charlie Chaplin, der einmal sagte:
Wir brauchen uns nicht vor Auseinandersetzungen, Konflikten und Problemen mit uns selbst und anderen zu fürchten, denn sogar Sterne prallen manchmal aufeinander, und es entstehen neue Welten. Heute weiß ich, das ist Leben.
