Schweigend ins neue Jahr
Publik-Forum: Schwester Maria-Hanna, Sie laden zu Silvester ins Kloster Reute ein. Meinen Sie, dass da jemand kommt?
Schwester Maria-Hanna: (lacht) Die Erfahrung spricht zumindest dafür: Wir machen das schon zwanzig Jahre. Zuletzt waren es immer zweihundert bis dreihundert Menschen, die den Jahreswechsel hier gemeinsam im Kloster Reute begangen haben.
Eine Silvesterparty geht normalerweise mit Sekt und Böllern ab. Bei Ihnen auch?
Schwester Maria-Hanna: Nein, eine Party feiern wir hier nicht. Zu uns kommen Menschen, die den Anbruch der neuen Lebenszeit ganz still und bewusst erleben wollen. Oft sind es solche, die ein schweres Jahr mit schmerzlichen Schicksalsschlägen hinter sich haben und die Erfahrung der Endlichkeit in sich tragen. Die können nicht einfach so weiterfeiern wie immer, sie brauchen eine andere Umgebung. Es kommen aber auch viele, die einfach unserem Kloster verbunden sind. Und die es schön finden, Silvester einmal anders zu feiern.
Silvester einmal anders: Wie sieht das aus?
Schwester Maria-Hanna: Zu Anfang lernen wir uns alle erst mal kennen. Dann erzähle ich eine Geschichte – als Aufhänger für ein Nachsinnen über das vergangene Jahr. Da werden Fragen aufgeworfen, zum Beispiel: Wie oft habe ich 2014 den Satz »Hätte ich doch …« ausgerufen? Wie oft »Ich muss erst noch …«? Dann tauschen wir uns in Kleingruppen darüber aus. Anschließend gibt es verschiedene Angebote: einen Spaziergang durch die Nacht, einen Gang durchs Labyrinth, ein Schriftgespräch oder meditativen Tanz.
Wie begrüßen Sie das neue Jahr?
Schwester Maria-Hanna: Im Schweigen. Um halb zwölf beginnen wir einen meditativen Gottesdienst. Jede und jeder bekommt ein Segenssymbol in die Hand, zum Beispiel eine kleine Taube. Und um Mitternacht – wenn in den Dörfern um uns herum die Raketen krachen – sitzen wir hier mit über zweihundert Menschen in Stille zusammen. Dieses gemeinsame Schweigen hat große Kraft: eine Kraft, die mit in den neuen Lebensabschnitt geht. Anschließend begegnen und beglückwünschen wir uns bei einem Glas Wein.
Ist das vor allem was für Alleinstehende?
Schwester Maria-Hanna: Ja, es sind schon viele dabei, die gerade verwitwet oder geschieden sind und die Gemeinschaft jetzt besonders brauchen. Aber auch viele andere bunt gemischte Leute, die immer wieder kommen – darunter manche, die sich sonst nie in eine Kirche trauen.
Kann man sich da jetzt noch anmelden?
Schwester Maria-Hanna: Ja, jeder kann kommen. Die Übernachtungsplätze im Kloster sind zwar leider schon alle ausgebucht. Aber wer aus der Umgebung kommt oder woanders einen Schlafplatz findet, ist herzlich eingeladen.
