Walter Kohl: Raus aus dem Opferland
Herr Kohl, wir sitzen hier im »Zentrum für eigene Lebensgestaltung« in Königstein, das Sie eben selbst gegründet haben.
Walter Kohl: Es soll eine Anlaufstelle für Menschen sein, die auf der Suche nach innerem Frieden sind. Ein Ort, wo sich Menschen ganz ohne peinliche Gefühle öffnen und neue Wege zur Versöhnung gehen können. Allerdings sind wir noch in der Aufbauphase.
Sie sind Kanzlersohn, Volkswirt und leiten einen Zulieferbetrieb für die Automobilindustrie. Wie kommen Sie plötzlich dazu, sich so intensiv für seelische Heilungswege einzusetzen?
Kohl: Davon bin ich selbst überrascht! Wenn Sie mir vor fünf Jahren vorausgesagt hätten, dass ich heute mit großen Gruppen von Menschen über biografische Friedensarbeit spreche, dann hätte ich Sie wohl für verrückt gehalten.
Wie ist es dann passiert?
Kohl: 2008 wurde ich von einem Verlag ermuntert, ein Buch über mein Leben zu schreiben. Drei Jahre habe ich daran gearbeitet. Ich schrieb über meine fremdbestimmte Jugend als »Sohn vom Kohl«, die existenzielle Bedrohung durch den Terror der RAF und die ständige Bewachung und Ausgrenzung in meiner Jugend. Ich beschrieb den Suizid meiner Mutter und die tiefe Lebenskrise, in die ich danach gestürzt bin. Das Schreiben hat mich anfänglich sehr viel Kraft gekostet, doch es war auch klärend und befreiend.
Und dann?
Kohl: Sobald das Buch erschienen war, wurde ich förmlich von E-Mails und Briefen überschwemmt: Mehrere Tausend Menschen schrieben mir. Viele erzählten, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben, dass sie die Gefühle von Ausgeliefertsein, Sprachlosigkeit, Überforderung kennen. Ebendieses »Opferland«, wo man nicht selber lebt, sondern von anderen gelebt wird.
Bis dahin hätte man eher vermutet, dass gerade Sie eine besonders glückliche und privilegierte Kindheit gehabt hätten. Warum war es so schwer, in der Familie Kohl aufzuwachsen?
Kohl: Ich wurde sehr oft nur als der »Sohn vom Kohl« wahrgenommen, als eine Funktion, ein Mittel für andere Interessen und ein vielbestauntes Zoo-Objekt. Zugleich wurde ich ständig für Entscheidungen in Haftung genommen, die ich nicht selbst getroffen hatte. In der Schule verprügelten mich die Großen aus Wut über meinen Vater regelmäßig. Der Fußballverein, in den ich als Zehnjähriger gerne eingetreten wäre, hat mich schimpfend nach Hause gejagt, als ich meinen Namen nannte. Auch bei der Bundeswehr wurde ich als »Sohn vom Kohl« besonders schikaniert.
Konnten Sie dem Schatten Ihres Vaters dann als Erwachsener entkommen?
Kohl: 1985 floh ich in die USA, wo sich kaum jemand für Deutschland interessierte, wo ich nur »Walter« sein konnte. Eine sehr schöne Zeit. Diese Situation änderte sich allerdings 1989 schlagartig mit der Wiedervereinigung: Für mich als Bürger war dies das schönste historische Erlebnis meines Lebens. Aber als Sohn bedeutete es das Ende meiner Freiheit. Jetzt wurde mein Vater in den USA zu einem Repräsentanten eines möglichen »Vierten Reichs« – und das bekam ich zu spüren.
Ihr Vater war Ministerpräsident, CDU-Vorsitzender und 16 Jahre Bundeskanzler. Wären Sie auch selbst gern in die Politik gegangen?
Kohl: Nein. Das ist überhaupt nicht mein Milieu.
Ihr Buch stand 2011 ganz oben auf der Bestsellerliste.
Kohl: Fünfzig Wochen lang. Kein Mensch hatte damit gerechnet. Auf der Straße, im Zug, im Supermarkt oder im Flugzeug kamen jetzt fremde Menschen auf mich zu und erzählten mir ihre Lebensgeschichten. Fast alle teilten diese Erfahrung vom Leben im »Opferland« – nichts wert zu sein, keine Existenzberechtigung aus sich selbst heraus zu haben und dabei Sinn und Lebensfreude zu verlieren. Diese Begegnungen haben mich ermutigt, den Weg der Versöhnung weiterzuentwickeln, ihn mit anderen zu teilen und Wege zum inneren Frieden zu suchen.
Hätte es denn nicht auch gereicht, die Verletzungen für sich selbst und innerhalb der Familie zu klären? Warum haben Sie das Buch veröffentlicht?
Kohl: Verletzungen können nur auf der Bühne geheilt werden, auf der sie entstanden sind. Meine Verletzungen sind auf der Bühne der Öffentlichkeit geschehen: Von der Hochzeit meines Vaters mit Maike Richter beispielsweise habe ich aus der Bild-Zeitung erfahren – eine größere Öffentlichkeit gibt es wohl kaum.
Die meisten Leute, die Ihr Buch gelesen haben, sind nicht in prominenten Familien aufgewachsen. Warum hatte es dennoch so starke Wirkung, auch auf »Durchschnittsbürger«?
Kohl: Die Erfahrung »Ich bin ja nichts wert« oder »Ich gehöre nirgendwo dazu« müssen leider viele Menschen machen, egal welcher Herkunft.
Sie sind 1963 geboren. Ist die Generation der deutschen Nachkriegskinder da besonders betroffen?
Kohl: Ich arbeite auch mit Menschen aus der Schweiz, wo es die Kriegserfahrung so nicht gegeben hat. Auch sie tragen schwer an ihren biografischen Rucksäcken. Bei deutschen und österreichischen Nachkriegskindern kommen die besonderen Belastungen durch Krieg, Flucht und Vertreibung allerdings noch verschärfend hinzu. In meiner Heimatstadt Ludwigshafen stammten wohl mehr als die Hälfte der Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die das Trauma der Vertreibung verarbeiten mussten. Auch meine Mutter, Hannelore Kohl, war als junges Mädchen aus Leipzig hierher geflohen und schwer traumatisiert. Wir konnten nicht einmal ein Grillfeuer anzünden, ohne dass sie von Erinnerungen an die Bombennächte heimgesucht wurde.
Als Hannelore Kohl sich im Sommer 2001 das Leben nahm, gerieten auch Sie in eine tiefe Krise und wollten ihrer Mutter in den Tod folgen. Was hat Sie wieder aufgerichtet?
Kohl: Wenige Tage nach dem Tod meiner Mutter fragte mein damals fünfjähriger Sohn mich im Auto auf der Fahrt zum Kindergarten plötzlich: »Papa, ist das Leben schön?« Diese Frage hat mich zunächst erschüttert, dann aber aufgerüttelt und gezwungen, mir selbst gegenüber ehrlich zu werden und Hilfe zu suchen. Wer sucht, der findet – und so entdeckte ich die sinnzentrierte Logotherapie nach Viktor Frankl.
War es diese Therapie, die Ihnen den Sinn Ihres Lebens zurückgegeben hat?
Kohl: Frankl spricht die »Trotzmacht der Seele« an, er fordert dazu auf, »trotzdem Ja zum Leben« zu sagen, und thematisiert die eigene Aufgabe: »Welche Fragen stellt das Leben dir jetzt?« Das hat mich fasziniert und mir neue Orientierung gegeben. Auch Seneca, der antike Philosoph, ist mir zum Wegweiser geworden. Er lehrte mich, loszulassen, den Kampf gegen die Windmühlen zu beenden und mich in mehr Gelassenheit auf den Fluss des Lebens einzulassen. Nicht zuletzt war es auch die Wiederentdeckung meines Glaubens, die mir viel Kraft geschenkt und mich geheilt hat. (Er formt mit den Händen ein Dreieck.) Heute bezeichne ich das als mein Dreieck der Kraft und Lebensfreude: Im rechten unteren Winkel die Logotherapie nach Victor Frankl, im linken Seneca. Und ganz oben, in der Spitze: Gott.
Ihr Vater war als »guter Katholik« bekannt, er ging regelmäßig mit seinen Söhnen in die Messe. Welche Rolle spielt der Glaube in Ihrem Leben?
Kohl: Der Glaube hat immer eine Rolle für mich gespielt, auch schon als Jugendlicher, wo ich in der »Katholischen Jungen Gemeinde« aktiv war und sogar Ferien in der Benediktinerabtei Maria Laach gemacht habe. Bis zu meiner existenziellen Krise aber war ich so etwas wie ein »Achterbahnchrist«: mal sehr fromm und gläubig – und dann wieder ganz weit weg. Das lag natürlich daran, dass ich kein geklärtes Verhältnis zu mir selbst hatte. Die Beziehung zu uns selbst bestimmt auch die Beziehung zu anderen – und unser Verhältnis zu Gott.
Wie sieht Ihre Gottesbeziehung heute aus? Immer noch Achterbahn?
Kohl: Nein. Jetzt ist sie eher wie eine norddeutsche Tiefebene (lacht): ganz schlicht, weit und eben. Ich lese gern in der Bibel – zum Beispiel das Buch Hiob, das Buch Kohelet, das sind ja Klassiker der Weisheitsliteratur. Auch die christlichen Mystiker bedeuten mir inzwischen viel – vor allem Nikolaus von der Flüe. Er war ein Bauer aus der Schweiz, der seinen Hof verlassen hat, um ganz in der Nähe, in einer Einsiedelei in der Ranftschlucht, seine wahre Berufung in der Kontemplation zu finden. Er war ein großer Friedensstifter, ohne den wohl die Gründung der Eidgenossenschaft nicht möglich gewesen wäre.
Nikolaus von der Flüe hat – ähnlich wie Sie selbst – eine unerwartete Lebenswende vollzogen …
Kohl: Ich möchte mich nicht mit ihm vergleichen. Vor einiger Zeit habe ich seine Einsiedelei in der Ranftschlucht besucht, das hat mich sehr bewegt. Aber auch Teresa von Avila hat mir viel zu sagen in ihrer starken weiblichen Spiritualität. Und – um auch mal einen Zeitgenossen zu nennen – Anselm Grün. Seine Bücher haben mir in meiner Lebenskrise sehr geholfen.
Wie wirkt sich diese Spiritualität in Ihrem Leben aus?
Kohl: Die Beziehung zu Gott gibt mir das Vertrauen, dass letztlich alles – auch alles Schwere, das ich erlebt habe – in einer größeren Beziehung aufgehoben und geheilt ist. Auch die biografische Friedensarbeit, die ich in meinen Seminaren und demnächst hier im Zentrum leisten will, atmet den Geist dieser Spiritualität.
Muss man gläubig sein, um heil zu werden?
Kohl: Nein, der Glaube ist aus meiner Sicht keine Bedingung für die Versöhnungsarbeit. Aber ich denke, er kann sehr hilfreich sein. Glaube ist eine sehr persönliche Entscheidung, die jeder Mensch frei für sich selbst treffen muss. Die darf und will ich nicht bewerten.
Warum ist Ihnen die Friedensarbeit so wichtig geworden?
Kohl: Weil Menschen, die ihren inneren Frieden haben, keinen Krieg machen und sich nicht im Kampf oder im Nach-Tragen verlieren. Das zeige ich Ihnen jetzt mal ganz praktisch. (Er holt einen Rucksack aus dem Schrank.) Hier, nehmen Sie den bitte auf die Schulter!
Huch, der ist schwer!
Kohl: In diesem Sack liegt ein Stein, der wiegt rund 15 Kilo. Den holen wir jetzt mal raus, schauen ihn an und geben ihm einen Namen. Er ist der Stein des Anstoßes, des Schmerzes in unserem biografischen Rucksack. Er symbolisiert eine persönliche Krise, für mich etwa den Tod meiner Mutter. Bei anderen steht er für Mobbing, Scheidung – was auch immer. Wenn man jetzt den Stein vor sich herträgt, weil man ihn anderen nachträgt, wird die Last schnell unerträglich. So verhält es sich auch mit unseren belastenden Erfahrungen.
Machen Sie diese Übung auch in Ihren Seminaren?
Kohl: Ja, der Stein lässt uns den Kraftfresser spüren. Und dann stellt sich die Frage: Wie können wir uns von dieser Last befreien? Lässt sich die alte Belastung vielleicht sogar in eine Quelle neuer Kraft verwandeln? Dazu habe ich ein konkretes Modell mit fünf Schritten auf dem Weg der Versöhnung entwickelt – mit dem Ziel, dass wir frei werden für neue Antworten und Lebenswege.
Ihr Vater hat den Kontakt zu Ihnen abgebrochen. Wie kann man sich mit jemandem versöhnen, der das nicht will?
Kohl: Wir können unseren Frieden auch alleine machen und müssen dafür nicht auf die anderen Beteiligten warten. Ich nenne das »einseitige Versöhnung«: Mit einem einseitigen Friedensvertrag festige ich meinen Entschluss, ein für alle Mal aus dem alten Konflikt auszusteigen und neuen Frieden durch eine neue Antwort zu finden. Das habe ich auch in meinem zweiten Buch als Beispiel beschrieben: Im einseitigen Friedensvertrag mit meinem Vater entschuldige ich mich für meine Fehler, wünsche ihm Freude und Glück und akzeptiere meine Herkunft: »Ich gestalte mein Leben jetzt als Walter Kohl, ich bin der Sohn vom Kohl. Dieses Leben nehme ich an, diesen Weg gehe ich.«
Was erfahren Sie selbst als den tiefsten Sinn Ihres Lebens?
Kohl: In einer Talkshow saß ich mit Joachim Gauck zusammen. Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens sagte Herr Gauck zu mir: »Mein Sinn ist die Freiheit – weil ich sie so lange nicht hatte.« Dieser Satz hat mich im Herzen erreicht. Bald danach formte ich daraus meine eigene Antwort: »Mein Sinn ist der innere Friede – weil ich ihn so lange nicht hatte.«
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