Gleichwürdig
Beginnen wir mit einer grundsätzlichen Erkenntnis: Notwendigerweise muss jeder von uns den Rest seiner Existenz vorwiegend mit sich selbst verbringen. Von daher wäre es nach Pippi Langstrumpfs Philosophie durchaus ratsam, sich seiner eigenen Unvollkommenheit zu besinnen und dennoch liebevoll anzunehmen. Selbstachtung, das ist eine gute Voraussetzung dafür, mich selbst und die Welt, in der ich lebe, zu respektieren. Respekt meint vor allem mit Blick auf die Menschenwürde, dass wir aufgefordert sind, jeden Menschen als Menschen zu achten und niemanden zu demütigen, herabzusetzen oder verächtlich zu behandeln. Auch nicht uns selbst.
Der Respekt hat eine Schwester. Ihr Name ist Anerkennung. Anerkennung besitzt die Fähigkeit, einen anderen Menschen einfühlsam so zu sehen, wie er ist. Der berühmte dänische Familientherapeut Jesper Juul gibt diesem Wort den schönen Namen Gleichwürdigkeit. Sich in Würde begegnen. Aufgehoben sein im liebenden Blick eines Gegenübers. Wirkliche Anerkennung berührt uns auf einer tiefen, existenziellen Ebene, »sie ist das herzliche Ja zu unserem Sein«.
In diesem Sinne wird Respekt als eine Grundhaltung verstanden gegenüber Menschen, Tieren, der Natur – der gesamten Schöpfung. »Liebet jedes Blättchen«, lautet die Aufforderung in diesem EXTRA – denn Menschen sind nicht Könige der Schöpfung und nicht Herren über die Erde. Gleichwürdig stehen sie allen anderen Lebewesen gegenüber als Mitgeschöpfe in einer großen Gemeinschaft.
Jeder Mensch braucht in der Umgebung, in der er lebt, Respekt und Anerkennung. Doch die Halbwertzeit von Lob und Komplimenten kann schmerzlich kurz sein. Plötzlich honoriert der Chef die Leistung nicht mehr, die Kollegen, die ihren Mitarbeiter gestern noch großartig fanden, tuscheln heute über ihn. Wenn die Arbeitswelt bedrohlich wird, beginnt die Abwertung der Kollegen, auch darüber berichten wir in diesem EXTRA, von einer Kultur der Nichtanerkennung, in der ständig und überall andere ausgeschlossen werden.
Lange Zeit hielt man die Worte Respekt und Anerkennung für antiquiert, so verstaubt wie Lob und Tadel. Erst seit Kurzem wird über das Thema Respekt neu nachgedacht, und in diesem Zusammenhang vor allem darüber, was fehlende Anerkennung im Leben eines Menschen und darüber hinaus in einer ganzen Gesellschaft anrichten kann. Anerkennung hilft nicht nur einem Kind, zu wachsen und sich in der Welt zurechtzufinden. Anerkennung ist der lebensnotwendige Stoff auch für das kulturelle Wachstum einer Gesellschaft. Wo wirtschaftliche Not, Hunger, Armut und Krieg herrschen, wo sich Einzelne auf Kosten der Mehrheit Macht und Reichtum aneignen, wo Menschen aus Gemeinschaften ausgeschlossen werden, geht das kollektive Grundgefühl von gegenseitigem Respekt verloren. Stattdessen dominiert eine Haltung der Missachtung, der Gleichgültigkeit und der Ignoranz.
In diesem EXTRA erzählen unsere Autorinnen und Autoren auf vielfältige Weise, dass Anerkennung und Respekt in Worten und Taten von großer Bedeutung sind, weil sie in uns selbst gute Dinge befördern: eine respektvolle Haltung, die dazu beiträgt, dass es schön ist, zu leben und diese Welt mit anderen zu teilen. Darum macht Pippi Langstrumpf dreiundvierzig Purzelbäume.
