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Die Farben der Leidenschaft

Sexualität schenkt Lust und Ekstase, sie kann aber auch Ängste, Missverständnisse und mancherlei Leiden verursachen. Wilhelm Schmid, der Philosoph der Lebenskunst, fragt im aktuellen Publik-Forum EXTRA: »Kann eine sexbesessene Zeit zugleich eine Zeit wachsender Lustlosigkeit und Asexualität sein?«
von Hartmut Meesmann vom 01.07.2016
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Eigentlich die schönste Nebensache der Welt: Aber Befragungen von Paaren legen die Vermutung nahe, dass im Jahr 2016 die sexuelle Unzufriedenheit zugenommen hat. (Foto: photocase.de/christophe papke)
Eigentlich die schönste Nebensache der Welt: Aber Befragungen von Paaren legen die Vermutung nahe, dass im Jahr 2016 die sexuelle Unzufriedenheit zugenommen hat. (Foto: photocase.de/christophe papke)

Für viele Menschen ist die Sexualität ein Naturtrieb wie jeder andere. Wie Hunger und Durst. Er muss befriedigt werden. Zumal er in der Regel auch noch Spaß macht und das Bedürfnis nach Zärtlichkeit und Körperkontakt als lebenswichtig empfunden wird. Für andere darf es Sex dagegen nur in der Ehe oder in einer festen Beziehung geben, mit dem Ziel, Kinder in die Welt zu setzen. Für die einen – ob verheiratet oder nicht – sind sexuelle Abenteuer eine lustvolle Abwechslung im Leben (Sex ohne Liebe), für andere ist dagegen die sexuelle Treue in einer Beziehung von höchstem Wert (kein Sex ohne Liebe). Wieder andere gewinnen ihrer Sexualität sogar spirituell-religiöse Momente ab.

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Es gibt mithin sehr unterschiedliche Sichtweisen auf die Sexualität. Auf einen Nenner zu bringen sind sie nicht. Im sexuellen Alltag dürften Zwischentöne und Kompromisse die Regel sein. Sexualität ist zudem nicht immer und überall – und nicht in jeder Phase des Lebens – die reine Freude. Die körperliche Leidenschaft schenkt Lust und Ekstase, sie kann aber auch Ängste, Missverständnisse und mancherlei Leiden verursachen. Das gilt für heterosexuelle Menschen genauso wie für homo- und bisexuell empfindende Menschen.

Befragungen von Paaren legen die Vermutung nahe, dass im Jahr 2016 die sexuelle Unzufriedenheit zugenommen hat. Wilhelm Schmid, der »Philosoph der Lebenskunst«, spricht daher aktuell von einem »Sexout« und fragt kritisch: »Kann eine sexbesessene Zeit zugleich eine Zeit wachsender Lustlosigkeit und Asexualität sein?« Inzwischen machen nämlich auch jene Menschen vermehrt von sich reden, für die genitale Sexualität uninteressant ist und die deshalb ganz bewusst auf sie verzichten.

Wie sehr Natur (Trieb) und Kultur (Bewertung) ineinandergreifen und die gelebte Sexualität zum Teil auch verändern, wird an einigen modernen Errungenschaften deutlich: am Zauberwort »Internet« zum Beispiel. Online-Dates, Cyber-Sex und digitale Räume für alle Varianten und Abgründe sexueller und pornografischer Wünsche und Sehnsüchte sind frei und für fast jeden zugänglich geworden. Was macht das mit den Menschen? Was macht das mit den Beziehungen? Was macht das mit dem sexuellen Begehren selbst?

Von alldem ist in diesem Publik-Forum EXTRA die Rede: in Essays, Reportagen und persönlichen Berichten. Die »schönste Nebensache der Welt« bleibt ein schillerndes Begehren: drängend und lustvoll, das Leben bereichernd, aber mitunter auch missverständlich und zerbrechlich.

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