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Das Wachstum und das Kreuz

Das Buch »Gott 9.0« präsentiert ein Stufenmodell spiritueller Entwicklung. Doch wer lebt schon gern auf der Treppe? Fragen an Helmut Schlegel und Andreas Ebert
von Hartmut Meesmann , Barbara Tambour vom 04.06.2011
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Denken unterschiedlich über das spirituelle Stufenmodell: der evangelische Theologe Andreas Ebert (links) und der Franziskaner Helmut Schlegel
Denken unterschiedlich über das spirituelle Stufenmodell: der evangelische Theologe Andreas Ebert (links) und der Franziskaner Helmut Schlegel

Das Buch »Gott 9.0« skizziert ein umfassendes spirituelles Stufenmodell und versucht gleichzeitig, die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit nachzuzeichnen. Was hat die Lektüre dieses Buches in Ihnen ausgelöst?

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Helmut Schlegel: Das Geniale an dem Buch ist, dass es eine Gesamtschau der geistigen und spirituellen Entwicklung der Menschheit bietet. Faszinierend ist, wie die Bewusstseinsgeschichte der Menschheit mit der individuellen Entwicklung, die jeder Mensch durchläuft, verknüpft wird, und das noch dazu auf der spirituellen Ebene. Das hat bei mir eine Reihe von Aha-Erlebnissen ausgelöst. Puzzleteile meiner Erfahrungen fügten sich zu einem Gesamtbild. Aber diese systematisierende Gesamtschau ist gleichzeitig das Problematische und Anfällige an dem Unternehmen. Es drängt sich die Frage auf: Geht das so überhaupt? Deshalb ist meine Reaktion ambivalent.

Andreas Ebert: Natürlich, es ist ein Wagnis, einen solchen Gesamtentwurf vorzulegen. Das ist gegen den Zeitgeist. Aber mir gefällt das. In dem Buch werden Kriterien für einen spirituellen Reifungsprozess vorgelegt, die hilfreich, zumindest aber diskussionswürdig sind. Mir als spirituellem Begleiter von Menschen, die auf der Suche sind, helfen sie. Hier wird ein Modell vorgelegt, das es ermöglicht, bestimmte spirituelle Phänomene und Erfahrungen klarer benennen zu können. In vielen Beschreibungen konnte ich meine eigene Entwicklungsgeschichte wiederfinden. Ich habe das Buch wie einen Krimi gelesen.

Ist denn die Grundannahme dieses Modells zutreffend, dass es eine spirituelle Entwicklung auf individueller und kollektiver Ebene gibt?

Schlegel: Ich denke schon. Ein Erwachsener glaubt im Normalfall nicht mehr wie ein Kind, das die Welt ja noch magisch deutet. Als Erwachsener hat man gewisse spirituelle Entwicklungsstufen durchlaufen. Auch die Gottesbilder verändern sich.

Ebert: Entwicklungspsychologisch ist längst bekannt, dass Menschen in verschiedenen Lebensphasen unterschiedliche Lebensthemen aufgreifen und verarbeiten müssen. Deshalb geht man auch in der Pädagogik ganz selbstverständlich von Reifestufen aus.

Schlegel: Ich kann in dem vorgelegten Modell gut mitgehen bis zur gelben Stufe, zu der wir heute Zugang haben. Die Menschen denken heute vernetzt, integraler, weniger dualistisch. Diese geschilderten Beobachtungen sind für mich nachvollziehbar. Aber die nachfolgenden Stufen erscheinen mir sehr spekulativ und hypothetisch. Was mir allerdings deutlich geworden ist: Die beschriebenen Stufen kommen selbst in der Bibel vor. Das kriegerische Gottesbild des Alten Testaments zum Beispiel ist Ausdruck einer bestimmten, eher archaischen spirituellen Stufe; aber es hat seinen Sinn und wird integriert.

Ebert: Wobei man dies erst im Nachhinein erkennen kann. Aber in der Tat: Die verschiedenen Traditionsschichten der Bibel spiegeln unterschiedliche religionspsychologische und anthropologische Reifungsstufen, und entsprechend tauchen auch unterschiedliche Gottesbilder in der Bibel auf. Ein archaisches Bewusstsein produziert ein archaisches Gottesbild. Aber schon im Alten Testament ist eine Entwicklung zu erkennen: vom Bild eines Gottes, der blutige Menschenopfer will, hin zu einem Gott, der Opfer verabscheut und sich als Gott der Barmherzigkeit offenbart. Selbst in der erzkonservativen orthodox-lutherischen Theologie, die hundert Jahre nach Martin Luther versucht, die ganze Welt in ein religiöses Ordnungsschema zu pressen, gibt es einen Heilsweg, der in der Unio mystica endet, also in der mystischen Vereinigung der Seele mit Gott. Man hat in der Kirche also immer um diesen Prozess spiritueller Entwicklung gewusst.

Schlegel: Probleme habe ich damit, dass das in dem Buch »Gott 9.0« vorgelegte Modell doch sehr gekünstelt, ja mathematisch wirkt. Es suggeriert auch eine gewisse Machbarkeit: dass ich eben von Stufe zu Stufe klettern kann. Das, was alle Religionen mit Gnade bezeichnen, also die geschenkte religiöse Erfahrung, die mir widerfährt und die ich nicht machen kann, kommt kaum zum Tragen...n

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Personalaudioinformationstext:   Helmut Schlegel, geboren 1943, ist Franziskanerpater und Exerzitien- und Meditationsleiter. Er leitet das Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität in Frankfurt am Main-Bornheim.

Andreas Ebert, geboren 1952, ist lutherischer Pfarrer, Autor und Leiter des Spirituellen Zentrums St. Martin in München. Außerdem ist er Beauftragter der bayerischen Landeskirche für geistliche Übung und Meditation.Den Volltext des Interviews können Sie in Publik-Forum 11/2011 lesen.
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