Das Gespenst im Erdgeschoss
Die Schreie kamen nachts. Sie durchdrangen die Wände, die Zimmerdecke. Die Frau in der Erdgeschosswohnung schrie und schrie. Jede Nacht. Keiner konnte sie aus der furchtbaren Welt ihrer Alpträume herausholen. Die Nachbarin im ersten Stock wusste um die Demenz der anderen. Aber es half nichts. Es war laut. Sie konnte nicht schlafen. Und bat die Hausgemeinschaft um Hilfe. Vielleicht war das der Moment, in dem die Leute in der Georg-August-Zinn-Straße 2 ahnten, dass alles ein bisschen schwerer werden würde, als gedacht. Denn hier in der südhessischen Kleinstadt Langen leben 38 Männer und Frauen in einem Senioren-Wohnprojekt zusammen. Zehn von ihnen in einer Demenz-Wohngemeinschaft.
Zwei Neubauten, einer orange, einer rot. Ein schmaler Streifen Garten drumherum mit Blick auf den Supermarkt. Nichts ist ungewöhnlich an diesem Ort, außer der Wohngemeinschaft der Senioren zwischen 60 und 91 Jahren im Wohnprojekt Gingko. Eine von ihnen ist Anna Hüsing (die Namen der dementen Bewohner wurden verändert). In ihrem ersten Leben hat sie Insekten gesammelt, die im Bernstein erstarrt sind. Sie breiten die Flügel in einem Schrank mit Glasschiebetür aus. Hinter dem Glas steht auch ein Foto mit einem jungen Mann im Matrosenanzug. Es sind Dinge aus ihrem alten Leben. Viel zurücklassen, wenig mitnehmen: So ist das, wenn man in eine WG zieht.
Die Ex-Chefsekretärin sagt immer: »Hallo, hallo, hallo«
Anna Hüsing ist oft mit ihrem Rollator im Flur unterwegs. Sie wirkt entspannt dabei, setzt vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Ihre neun Mitbewohnerinnen und Mitbewohner sind so zufällig zusammengewürfelt wie in vielen Studenten-WGs. Da ist Wilfried Franzen, der früher Eishockeyspieler war. Da ist Katharina Bydlosz, die alle sieben Strophen von »Der Mond ist aufgegangen« auswendig kennt. Da ist die ehemalige Chefsekretärin Erna Casper, die jahrzehntelang Vorzimmertelefone beantwortet hat und jetzt immer noch »Hallo, hallo, hallo« sagt. Den ganzen Tag: »Hallo, hallo, hallo.« Vielleicht wären sich die vier in ihrem ersten Leben nicht begegnet. Wer die Fotocollage vom Grillfest im Sommer anschaut, hat dennoch den Eindruck: Hier sind Menschen froh, einander zu haben. Auch wenn es nicht Freundschaft war, sondern eine gemeinsame Krankheit, die sie hier zusammenführt. Demenz.
Egbert Haug-Zapp wohnt im selben Haus wie Anna Hüsing. Ihn brachte keine Krankheit, sondern eine Idee an den Langener Stadtrand. »Kommen Sie rein«, sagt der Vorsitzende des Vereins Ginkgo Langen. Ein hohes Bücherregal mit Weltliteratur und theologischen Standardwerken fällt ins Auge, eine Couch in erdigem Orange, auf dem Tisch liegt eine aufgeschlagene Zeitung. Sein Haar ist weiß, seine Augen blicken wach und freundlich, er fragt viel. Haug-Zapp war Journalist, dann wurde er Pfarrer, mittlerweile ist er Rentner und dreifacher Opa. Wer zuerst das WG-Zimmer von Anna Hüsing und dann das Zweiraumappartement von Egbert Haug-Zapp betritt, der ahnt, welch verschiedene Gesichter das Altern haben kann. Und welchen Spagat sie hier bei Ginkgo vollführen. »Wir wollen zusammenleben, in allen Stadien des Alterns, auch dement und pflegebedürftig, auch sterbend«, sagt Haug-Zapp. Es klingt wie ein Manifest. Erkrankt einer der Ginkgo-Leute an Demenz, hat er oder sie ein Anrecht auf den nächsten freien Platz in der WG. Das ist die Idee. Egbert Haug-Zapp hat sehr für sie gekämpft. Er hat die Hausgemeinschaft überzeugt.
Demenz ist jetzt eine Volkskrankheit
Anna Hüsing und Wilfried Franzen haben sich untergehakt. Sie laufen den WG-Flur mit den gelben Wänden entlang. Hin und her, her und hin, schweigend und vertraut. Vorbei an dem großen Bild mit den Umrissen der Hände aller Bewohner. Vorbei am Aquarium. Vorbei am Panoramafenster zum Garten. Jemand hat sich auf eine schwarze Ledercouch gefläzt. Davor hockt ein brauner Hund und klopft mit dem Schwanz auf den Boden – eine Besucherin hat ihn mitgebracht. Kein Problem in der Georg-August-Zinn-Straße.
Einen Umzug innerhalb des Hauses, weil ein Bewohner plötzlich dement wurde, das gab es noch nicht, seit 2008 die ersten Möbelwagen anrollten. Dass es irgendwann so weit kommt, ist dennoch wahrscheinlich. Demenz ist mittlerweile eine Volkskrankheit – allein in Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen daran. Die Zahl wird weiter steigen. Denn je höher die Lebenserwartung steigt, desto mehr Fälle gibt es. Es heißt, dass es ein Drittel der Deutschen, die achtzig und älter werden, treffen wird. Von knapp dreißig Gingko-Bewohnern wären es demnach etwa zehn.
Noch existieren unter dem Dach der Hausgemeinschaft zwei Parallelwelten. Die pflegebedürftigen Männer und Frauen im Erdgeschoss sind, anders als die meisten anderen, nicht über private Kontakte nach Langen gekommen, sondern über das Demenzforum Darmstadt, Generalmieter und Träger der besonderen Wohngemeinschaft. Ein ambulanter Pflegedienst ist 24 Stunden im Einsatz, ein Gremium aus Angehörigen und gesetzlichen Betreuern entscheidet über alle Belange.
Manchmal kochen die geistig fitten Mieter und Besitzer der Ein- bis Dreizimmerappartements für Anna Hüsing, Wilfried Franzen und die anderen. Manchmal turnen sie mit ihnen. Etwa ein Drittel der Gesunden aus den oberen Stockwerken engagiert sich ehrenamtlich im Erdgeschoss. Jeder darf, keiner muss.
Ein Scheinriese ist zu Besuch
Egbert Haug-Zapp kennt die Grenzen des Konzepts: »Es ist keine symmetrische Beziehung auf Augenhöhe. Aber es ist eine Beziehung.« Er weiß, dass sie sich mit der Demenz-WG eben auch ein Gespenst ins Haus geholt haben: Es kann Furcht einflößen, wenn man hört, wie alte Menschen mit ernsten Gesichtern Kindergartenlieder anstimmen, ohne dass ein Kind in der Nähe ist. »Wie schön, dass du geboren bist ...«
Egbert Haug-Zapp ist dennoch froh, dass er das Gespenst in sein Leben gelassen hat. Er vergleicht die Demenz mit dem Scheinriesen Tur Tur aus der Geschichte »Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer« von Michael Ende. Der bedrohlich übers Meer leuchtende Tur Tur erscheint aus der Nähe nur noch als der, der er ist: »Ein liebenswerter älterer Herr, der eine Lampe in der Hand hält.«
Und die schreiende Frau? »Das war eine sehr, sehr schwierige Situation«, sagt Egbert Haug-Zapp leise. Er glaubt, dass die Frau in ihren Alpträumen schreckliche Erlebnisse der Flucht von Ost nach West durchlebte, in den Monaten um das Kriegsende 1945 herum. »Wir standen vor einem Dilemma.« Denn das, was letztlich zu tun gewesen wäre, kollidierte mit dem Ginkgo-Grundsatz: Zusammenleben bis zum Tod. Das Aushalten der Krankheit, auch in schweren Zeiten. Der Auszug eines Bewohners in ein Pflegeheim ist nicht vorgesehen: »Wir haben die Aufzüge extra breit bauen lassen, damit auch Särge hineinpassen.«
Der Gruppenkoller bleibt draußen
Die prominenteste Bewohnerin heißt Helga Trösken. Die evangelische Theologin und ehemalige Pröpstin für den Bezirk Rhein-Main gehört zum Kern der Ginkgo-Gründer. »Schon Anfang der 1980er-Jahre habe ich mit Freundinnen beschlossen, im Alter zusammenzuziehen«, sagt sie. Wer will, kann abends allein in seiner Wohnung fernsehen. Wer will, kann mit den Nachbarn Wein trinken. Nicht jeder will jeden Tag dasselbe. Nicht jeder verfolgt eine große Idee dabei. Es gibt einen Gemeinschaftsraum. Und ein schwarzes Brett im Hausflur, an dem heute ein Zettel pinnt: »Bier steht im Kühlschrank, bitte bedient euch.« Bei Ginkgo muss man weder Einsamkeit noch einen Gruppenkoller fürchten. »Wenn Not an der Frau ist, koche ich auch mal in der Demenz-WG«, sagt Helga Trösken. »Ansonsten kennt man sich aus der Entfernung, und das ist in Ordnung so.«
Nachmittag im Erdgeschoss. Katharina Bydlosz sitzt am großen Esstisch. Gleich fängt der Singkreis an. Ilse Sowislo, eine Ehrenamtliche von obendrüber, blättert in einem Ringbuch mit Volksliedern. Obwohl eigentlich nur der Zivi eine Texthilfe braucht. Ilse Sowislo ist 74 Jahre alt und war früher Musiklehrerin. »Ich engagiere mich gerne hier«, sagt sie. Die Lieder sind schließlich auch ein Teil ihrer eigenen Geschichte.
»Wenn das Wasser im Rhein gold’ner Wein wär, ja da möchte ich so gern ein Fischlein sein ...« In solchen Momenten verschmelzen die beiden Ginkgo-Welten. Beim Singen wird klar: Eine Krankheit, selbst eine schwere, erfasst nie den ganzen Menschen. Individualität, Erfahrungen, gelebtes Leben – Demenz verschüttet viel, aber nicht alles. Männer und Frauen, die Angehörige nicht mehr erkennen, reihen auswendig Strophe an Strophe. Da kann der Zivi noch was lernen.
Manchmal kegeln Anna Hüsing, Wilfried Franzen und die anderen mit den gesunden Hausbewohnern im Flur. Die Kugel rollt in die Vergangenheit, erinnert die Spieler an die 1960er- oder 1970er-Jahre, als sie vielleicht mit befreundeten Paaren immer dienstags im Keller einer Gaststätte versucht haben, alle Neune zu treffen.
Zusammenleben bis zum Tod? Nicht alle Demenzkranken sind geeignet für eine WG, das ist die Erfahrung von Brigitte Harth, der Vorsitzenden des Demenzforums Darmstadt. »Und man darf sich keine Illusionen machen: Der Krankheitsprozess lässt sich durch nichts aufhalten.« Wenn jemand jede Nacht schreie, dann müsse man vielleicht doch eine andere Lösung finden. Eine Entscheidung mussten sie bei Ginkgo dieses Mal nicht treffen: Die Frau starb nach nur zwei Wochen. In ihrer Wohngemeinschaft.
