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Da, wo ich bin

Seine Berufung zu finden, bedeutet nicht immer nur Glück. Berufungen können Sprengkraft haben. Wie entdecken wir unsere eigene?
von Eva Baumann-Lerch vom 21.05.2011
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Welche Träume habe ich, welche Fähigkeiten, wo fühle ich eine besondere Verantwortung?: Wer seine Berufung sucht, kann sich von diesen Fragen leiten lassen
Welche Träume habe ich, welche Fähigkeiten, wo fühle ich eine besondere Verantwortung?: Wer seine Berufung sucht, kann sich von diesen Fragen leiten lassen

Katharina ist Mitte zwanzig, eine punkige, magersüchtige Berlinerin in Lederjacke, als sie zum ersten Mal auf einen evangelischen Kirchentag geht. Sie läuft ziellos durch die Hallen, beobachtet die Menschen, schaut sich die Info-Stände an. Und dann passiert es. In einer offenen belebten Halle stehen drei Frauen in langen Gewändern und singen die Psalmen. Katharina bleibt »wie angewurzelt, festgenagelt, blitzgetroffen« stehen. Der schlichte Anblick der drei Frauen, ihre große Gelassenheit inmitten des Kirchentagsrummels und der unbekannte Klang der Psalmodie trifft sie zutiefst. Nach Jahren, in denen sie sich in unterschiedlichen Szenen getummelt hat, nach unendlichem Grübeln und Diskutieren, nach tiefer Verletzung und einer fast selbstmörderischen Verzweiflung steht sie hier in der Halle und spürt »eine lange Sekunde in mir nichts als Frieden«. Reglos und gebannt schaut sie auf die Frauen in ihren Gewändern, beeindruckt von ihrer Kraft und Präsenz, dem vollkommenen Einklang von Form und Inhalt: »Ich war angekommen. Hier war dieser lichte Ort in der Mitte der Zeit, nach dem ich mich so gesehnt hatte.«

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»... und plötzlich Nonne«

Inzwischen trägt Katharina selbst so ein Gewand, wenn sie mehrmals täglich die Psalmen singt. Nach drei Tagen des Zögerns hat sie noch auf dem Kirchentag Kontakt mit den singenden Frauen aufgenommen, danach besuchte sie sie in ihrem evangelischen Frauenkloster auf dem Schwanberg in Franken – und wurde schließlich eine von ihnen. Katharina Klara Schridde leitet heute die Stadtstation der »Communität Casteller Ring« in Erfurt. Das entscheidende Erlebnis auf dem Kirchentag hat sie in ihrem autobiografischen Buch »… und plötzlich Nonne« beschrieben. Es jetzt zwanzig Jahre her, bestimmt aber noch heute ihr Leben.

Es ist ein seltsames Phänomen, dass Menschen durch eine einzige Erfahrung so berührt werden können, dass sie alles stehen und liegen lassen – und ihr Leben vollkommen anders ausrichten als zuvor. Wenn dies durch die Begegnung von zwei Menschen geschieht, spricht man von »Liebe auf den ersten Blick«. Sehr viel seltener hört man von solch wegweisenden Erfahrungen, wenn Menschen plötzlich wie gebannt vor ihrer Lebensaufgabe stehen und ihren Platz in der Welt erkennen. In früheren Zeiten nannte man so etwas »Berufung«. Doch die Vorstellung, dass ein jeder Mensch auf dieser Erde zu einem ganz eigenen Auftrag gerufen sein könnte, ist schon lange aus der Mode gekommen. Denn unsere Gesellschaft bietet heute nur noch wenig Platz für individuelle Lebensaufgaben. Um bei Opel am Band zu stehen, braucht man sicher keine spirituelle Erfahrung. Und wer Hähnchen im Akkord zerteilt, Heringe in Essiggläser füllt oder bei Schlecker an der Kasse sitzt, wird darin vielleicht einen brauchbaren Weg zum Überleben erkennen, aber kaum eine Berufung. Spätestens seit der Industrialisierung braucht die Gesellschaft vor allem berechenbare Leute, die sich den Produktionsabläufen anpassen, pünktlich und fraglos funktionieren. Solche Eigenschaften sind für viele Arbeitgeber wichtiger als Persönlichkeit, eigene Kreativität, besonderes Geschick und Freude an der Aufgabe.

Im Wort »Beruf« steckt noch die Berufung

Die Überzeugung, dass jeder Mensch eine eigene Lebensaufgabe hat, hat sich noch bruchstückhaft im Wort »Beruf« erhalten. Darin steckt noch die Vorstellung, dass jeder und jede Einzelne mit besonderen Fähigkeiten begabt ist, die nach Ausbildung rufen und eine bestimmte Aufgabe beinhalten. Doch im Zeitalter von Umschulungen, Patchworkbiografien, Teilzeit-, Mini- und Ein-Euro-Jobs, von Leiharbeit und Hartz IV stirbt auch »der Beruf« allmählich aus. Und selbst die, die das Glück haben, Besonderes zu leisten und große Projekte voranzubringen, fassen das kaum als ihre Berufung auf, sondern als »Karrierechance« und »Alleinstellungsmerkmal«, und sie sprechen dabei von »Challenges« und »Skills«, von »Sprungbrettern« und »Win-win-Situationen«.

Berufung? Lange Zeit überlebte der Begriff nur in kirchlichen Sonderwelten und wurde allein auf den geistlichen Stand verengt. Von ihrer Berufung sprachen allenfalls noch Priesteramtskandidaten und Ordensnovizen. Das Wort wurde vergeistigt, klang schließlich miefig und überspannt. Dass sich jemand »zu Höherem berufen fühlt«, wird heute ausschließlich als ironisch-abwertende Formulierung für besonders eingebildete Zeitgenossen benutzt. Und so kommt die punkige Berlinerin Katharina Schridde erst gar nicht auf die Idee, von einem Berufungserlebnis zu reden, als sie die Erfahrung auf dem Kirchentag verarbeitet. Ihr fehlen ohnehin die Worte: »Ich saß draußen auf der Wiese, rauchte eine Zigarette nach der anderen. Und ich versuchte zu begreifen, was das gerade gewesen war.«

Eine beglückende Erfahrung

Dabei ist »Berufung« noch immer ein schönes Wort, und im Grunde beschreibt es eine beglückende Erfahrung, die Menschen immer wieder machen und nach der jede und jeder sich sehnt. Eine Berufung ist die Antwort auf die allgegenwärtige Frage: Was soll ich tun? Was mache ich eigentlich hier? Wozu bin ich da auf dieser Welt?

Die Frage nach der eigenen Berufung stellt sich in jedem Leben, zu allen Zeiten und in jedwedem System. Eine Gesellschaft, die die Sehnsucht ihrer Mitglieder nach Sinn und Entfaltung nicht befriedigt, löst Frust, Sucht und schließlich Wut aus. Sie wird letztlich nicht überleben. »Das kann doch nicht alles gewesen sein, das bisschen Fußball und Führerschein«, sang Wolf Biermann zu DDR-Zeiten mit seiner kratzigen Bardenstimme: »Das muss doch noch irgendwo hingehen …«

Die Erfahrung, dass Menschen nicht nur vegetieren und funktionieren, sondern zu einem besonderen Lebensweg berufen sind, ist auch die Kernaussage der jüdisch-christlichen Offenbarung und all ihrer Schriften. Das Alte und Neue Testament berichten fortlaufend von Berufungen: Mose wird berufen, sein Volk aus der Sklaverei zu führen. Die Propheten werden berufen, den unguten Lebensstil ihres Volkes zu kritisieren. Maria wird berufen, das Heil der Welt zu empfangen, und die Fischer vom See Genezareth werden berufen, eine neue Botschaft zu verbreiten. Fast immer passiert die Berufung unerwartet, mitten im staubigen Alltag. Und es sind keine abgehobenen, vergeistigten Seelchen, die da einen wichtigen Auftrag bekommen, sondern ziemlich handfeste Typen.

Mose, Maria, Nelson Mandela

Mose hat aus Wut gegen die Unterdrücker einen Mann erschlagen. Nun ist er im Ausland untergetaucht, hütet dort die Schafe – und steht plötzlich vor einem brennenden Dornbusch. Er hört seinen Namen: »Mose, Mose!« und erhält den Auftrag, sein Volk, ein Volk von Sklaven, in die Freiheit zu führen. Doch wie bei jeder Berufung ist der erst mal erschrocken und zweifelt an seiner Qualifikation: »Wer bin ich«, fragt Mose, »dass ich zum Pharao gehen und die Israeliten aus Ägypten herausführen soll?« Ein Flüchtling und Schafhirt soll sich mit dem mächtigsten Mann seiner Zeit anlegen? Doch dann vernimmt er, dass er das nicht bloß aus eigenen Ressourcen bewältigen muss, dass die Kraft aus der Berufung kommt. »Gott aber sagte: Ich bin mit dir. Ich habe dich gesandt.«

»Herders neues Bibellexikon« beschreibt diesen Ablauf als ein typisches Muster: »Gott gibt sich zu erkennen und spricht eine Berufung aus. Der Prophet macht einen Einwand. Gott beseitigt diesen Einwand und gibt ein Zeichen. Dann folgt eine Bestätigung der Berufung. Deutlich ist, dass sich die Einzelnen überfordert und zugleich gepackt fühlen.«

Ähnlich reagiert auch Katharina Schridde. Drei Tage schleicht sie um den Infostand des evangelischen Klosters herum und wagt nicht, auf die Schwestern zuzugehen: »Eine der Frauen lächelte mich offen an, aber ich fühlte mich wie ertappt bei etwas, das mir nicht zustand, und ging fort.« Erst in letzter Minute, als der Kirchentag seine Türen schließt, wagt sie den Schritt und fragt nach der Adresse der Communität, die ihr mit einer freundlichen Einladung übergeben wird.

Der Mut der Berufenen

Berufung, das erzählen all diese Geschichten, löst erst mal Skepsis und Zweifel aus. Denn sie geht immer über die eigene Selbsteinschätzung hinaus: Es wäre jetzt einfacher, klein zu bleiben, weiter die Schafe zu hüten und die versklavten Israeliten ihrem Schicksal zu überlassen. Es wäre jetzt einfacher, die Lederjacke anzuziehen, in die Kreuzberger Szene zurückzukehren und den Kirchentag zu vergessen. Auch von der Mutter des Jesus wird berichtet, dass sie nicht sofort in Jubel ausbricht, als sie von ihrer Berufung erfährt: »Maria erschrak.«

Nelson Mandela, der ähnlich wie Mose berufen war, ein unterdrücktes Volk in die Freiheit zu führen, hat diese Erfahrung in seiner Antrittsrede als erster schwarzer Präsident nach der Überwindung der Apartheid in Südafrika beschrieben: »Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir ungenügend sind«, sagte er. »Unsere tiefste Angst ist, über das Messbare hinaus kraftvoll zu sein. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns erschreckt. Wir fragen uns, wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, fantastisch zu nennen? Aber dich selbst klein zu halten dient nicht der Welt.«

Der Benediktiner Anselm Grün hat sich mit Seminarteilnehmern auf die Suche nach ihrer Berufung begeben und dabei die Erfahrung gemacht, dass sie sie alle in ihrem tiefsten Innersten schon kannten. Der Pater aus Münsterschwarzach leitete die Gruppe in eine Stilleübung, in der sich jede und jeder Einzelne die Frage nach der eigenen Bestimmung stellte. Am Ende dieser Meditation konnten fast alle Teilnehmer in einem einfachen Wort ihre Lebensaufgabe formulieren: »Erkenntnis finden«, »Schönheit wahrnehmen«, »Gemeinschaft leben«, »Im Tiefsten verstehen«.

Eine Quelle von Kraft und Lebensfreude

Auch der indische Jesuit Herbert Alphonso begibt sich mit den Teilnehmern seiner Exerzitienkurse in Asien, Europa und Amerika auf die Suche nach der »persönlichen Berufung«. Berufung ist für ihn »das tiefste Geheimnis von Einheit und Integration«. Wer seine Berufung erkennt, so Alphonso, dem werde sie zu einer »Quelle von Kraft und Lebensfreude, ein unerschöpfliches Reservoir spiritueller Wachstumsmöglichkeiten«. Auf der Suche orientiert er sich vor allem an dem, was seine Teilnehmer froh macht, was ihnen Kraft und Kreativität verleiht. Da, wo Menschen Trost und Hoffnung finden, wo sie glücklich und liebevoll werden, da ist ihre Berufung. Und wenn sie sie finden und ihr einen Namen geben können, so erlebt es der indische Jesuit, dann stellen die Teilnehmer oft fest, dass diese Berufung von Anfang an, in ihrem ganzen Leben schon da war. »So, wie es bei Jesaja heißt: ›Der Herr hat mich schon im Mutterleib berufen.‹«

»Wenn ein Mensch geboren wird, wird ihm ein Wort mitgegeben«, beschreibt es der italienische Theologe und Religionsphilosoph Romano Guardini. »Nicht nur eine Veranlagung, sondern ein Wort. Das wird hineingesprochen in sein Wesen, und es ist wie ein Passwort zu allem, was dann geschieht.«

Diese Beschreibungen klingen wunderbar, sie vibrieren in der Tiefe, als hätten sie dort etwas gefunden, was lange verloren war. Aber wie findet nun ein Mensch, zum Beispiel eine junge Frau am Ende ihrer Schulzeit, ihre Berufung? Muss sie warten, bis ein Dornbusch brennt, bis sie »blitzgetroffen« in einer Messehalle steht? Paul Donders und Peter Essler, die beide als Coach und Referenten in der Berufs- und Lebensberatung arbeiten, haben verschiedene Kriterien herausgearbeitet, die Menschen auf der Suche nach ihrem ganz eigenen Platz im Leben leiten können. Dabei richten sie das Interesse auf die Identität der Suchenden, ihre Geschichte, ihre Ressourcen und Perspektiven: Wo komme ich her? Was steckt in mir? Wo zieht es mich hin? Wo fühle ich eine besondere Verantwortung? Dabei lassen sich die »Berufungsberater« nicht nur von Fähigkeiten leiten, sondern auch von Sehnsüchten, Träumen und Wünschen: »Die meisten Menschen, die die Weltgeschichte stark beeinflusst haben, haben mit einem kleinen Traum angefangen«, schreiben sie in ihrem Buch »Berufung als Lebensstil«. Und sie nennen Martin Luther King als Beispiel, den Mann, der sagte: »I have a dream.« Sein Traum von der Gleichheit der Rassen und Völker schien anfangs wie eine reine Illusion. Doch er durchdrang die amerikanische Gesellschaft – bis irgendwann ein schwarzer Mann zum Präsidenten des Landes gewählt wurde.

Wer seinen Weg geht, gehorcht nicht Mächtigen

Wovon träume ich? Was bringe ich mit? Was macht mich froh? Und wie passt das, was ich kann, was ich will und wovon ich träume, in meine Zeit, in meine Umgebung? Mit solchen Fragen nähern sich Donders und Essler achtsam der menschlichen Berufung. »Wo die Bedürfnisse der Welt mit deinen Talenten zusammentreffen«, meint der griechische Philosoph Aristoteles, »dort liegt deine Berufung!« Und die Autorin Eva-Maria Zurhorst erkennt es an einer schlichten Empfindung: »Berufung im pragmatischen Sinn ist das Gefühl: Da, wo ich bin, bin ich gerade richtig.«

Aber Berufungen machen nicht bloß froh und glücklich. Sie sind gefährlich und provokativ. Denn sie sprengen das System. Wer seine Berufung erkannt hat, der funktioniert nicht mehr so einfach. Berufene folgen nicht mehr zuallererst den Verordnungen anderer, sie gehorchen ihrer inneren Stimme. Wer seine Berufung erkannt hat, der weiß um seine Einmaligkeit und Würde. Wer berufen ist, der legt sich mit den Mächtigen an und holt die Sklaven aus der Knechtschaft. Wie Moses in Ägypten. Wie Mandela in Südafrika und Martin Luther King in den USA. Und wie Katharina Schridde, die im Erfurter Augustinerkloster sozial randständige Menschen in ihr Klostercafé holt, die Gebete für Opfer von Vergewaltigungen schreibt und durch ihre Bücher die vergessene und missachtete Spiritualität von Frauen hervorhebt.

Berufungen haben Sprengkraft. Sie befreien nicht nur die Berufenen, sondern auch ihr Umfeld, ihr Volk, ihre Gesellschaft. Nachdem er das erlebt hatte, beschrieb Nelson Mandela es mit poetischen Worten, die um die Welt gingen: »Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, zu manifestieren«, sagte er. »Und wenn wir unser eigenes Licht erscheinen lassen, geben wir unbewusst anderen Menschen die Erlaubnis, dasselbe zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch andere.«n

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Schlagwort: Identität
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