Editorial
Hört denn niemand Kassandra rufen?
warum Krieg? Es ist fast 100 Jahre her, als sich Albert Einstein und Sigmund Freud in einem Briefwechsel über diese Frage austauschten: Gibt es einen Weg, die Menschen von dem Verhängnis des Krieges zu befreien? Diese Frage steht bis heute wie ein Mahnmal in der Welt. Wir suchen Antworten, diesmal bei Sigmund Freud und Erich Fromm.
Warum Krieg? Wir sehen, dass überall aufgerüstet wird; man sagt, wir müssten kriegstüchtig werden. Wofür eigentlich? Der Buchautor Jörg Kronauer berichtet in unserem Interview: »Was als Elefant im Raum steht, ist, dass diese Maßnahmen auch der Vorbereitung auf einen möglichen Krieg gegen Russland dienen. Dabei ist auch eine Einbindung der Zivilbevölkerung vorgesehen. Dafür gibt es den Operationsplan Deutschland, ein 1400 Seiten starkes Dokument, das der breiten Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, da er aus sicherheitspolitischen Gründen unter Verschluss gehalten wird.«
Warum Krieg? Hört denn niemand die Rufe der Kassandra? Ihr tragisches Schicksal ist eine Geschichte von männlicher Eitelkeit und Rachelust. Der Gott Apollon gab Kassandra wegen ihrer Schönheit die Gabe der Weissagung. Als sie jedoch seine Verführungsversuche zurückwies, verfluchte er sie, auf dass niemand ihren Weissagungen Glauben schenken werde. Ihre ungehörten Warnungen werden seitdem als Kassandrarufe bezeichnet.
Anfang April 1983 holte die Schriftstellerin Christa Wolf mit ihrer großartigen Erzählung Kassandra in die deutsche Gegenwart zurück. Arno Widmann schrieb in der Frankfurter Rundschau: »Es gab damals überall auf der Welt, vor allem aber auch in der Bundesrepublik und in der DDR, eine nach Millionen zählende Friedensbewegung, die sich nicht nur gegen den Nato-Doppelbeschluss wandte, sondern gegen die Aufrüstung in West und Ost auf die Straßen ging. An jeder Ecke standen männliche und weibliche Kassandren, die vor der atomaren Vernichtung der Welt warnten, wenn nicht endlich Schluss gemacht würde mit der Aufrüstungsspirale. Ihre Warnungen wurden Woche für Woche lauter. In Ost und West. Gehört wurden sie von immer größeren Teilen der Bevölkerung. Von den Regierungen dagegen nicht. Ab Dezember 1983 wurden die neuen Atomraketen in der Bundesrepublik aufgestellt. Gegen die mächtigste Friedensbewegung, die es in diesem Land jemals gegeben hatte.« Christa Wolfs Erzählung gab der Kriegsangst der gesamten deutschen Bevölkerung eine Stimme.
Kassandra schreit. Warum Krieg? Anita Raja, Preisträgerin der Goethemedaille und Übersetzerin der Erzählungen von Christa Wolf, appellierte kürzlich in einem Interview (Frankfurter Rundschau vom 26. August 2026), endlich Augen und Ohren zu öffnen: »Kassandra fordert uns auf, über die Blindheit unseres Alltags und alte Denkmuster hinwegzusehen und zu erinnern, dass es im Atomzeitalter nicht mehr um Kriege, um Sieger und Besiegte geht. Die Menschheit als Ganzes, der gesamte Planet steht kurz vor der Selbstzerstörung. Entweder lernen wir, miteinander umzugehen und füreinander zu sorgen, oder wir steuern unbeirrt auf unseren Untergang zu.«
Ich widme dieses EXTRA Leben der Seherin Kassandra.
Hören wir endlich ihre Rufe.

